Biography by Karl Graupner

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 Die Familie, der Friedrich Kuhlau entstammt, zahlt viele Mitglieder, die die Musik als Beruf betrieben.*1) Sein Großvater, Johann Daniel Kuhlau *2),war in Leipzig Hautboist bei dem "Printz Gothischen Regiment" und später Stadtmusikus in Wittenberge und Niemegk, wo er am 1. Dezember 1789 starb. Beide Söhne von Johann Daniel Kuhlau widmeten sich der Musik. Der ältere, Johann Daniel (geb.1744), war erst Hautboist in Stade, ging später nach Aalborg und erhielt 1784 das dänische Heimatsrecht. Er wurde Organist an der Budolphi-Kirche in Aalborg und hernach auch Stadtmusikant. Er heiratete hier Marie Elisabeth Kjerulf (geb. 3. Juni 1759 in Ørum Sogn). Dieser Ehe entsproß ein Sohn, Søren Kjerulf, der Kapellmusikus in Kopenhagen wurde. Johann Daniel Kuhlau starb am 23. Juni 1810 in Aalborg. *3)  
 Der jüngere Sohn, Johann Karl Kuhlau, wurde am 5. Juni 1747 in Leipzig geboren und am 8. Juni in der Thomaskirche getauft. *4) Er heiratete 1770 Anna Dorothea Seegern aus Hannover. Dieser Ehe entsprossen 11 Kinder, von denen aber nur 5- 3 Söhne und 2 Töchter - am Leben blieben.
 Friedrich Daniel Rudolph Kuhlau war das neunte Kind dieser Ehe und der jüngste der Söhne. Er erblickte am 11. September 1786 zu Uelzen das Licht der Welt und wurde am 13. September getauft.*5)   
 Kuhlau wuchs in ärmlichen verhältnissen auf; sein Vater hatte so viele Kinder, daß er nicht die nötigen Mittel für ihre Erziehung aufzubringen vermochte. Überdies war er ein einfacher und ungebildeter Mann. Dagegen war Friedrichs Mutter eine begabte Frau, der er bis zu ihren letzten Lebenstagen mit seltener Anhänglichkeit zugetan war, und die auch beständig einen großen Einfluß auf ihn ausübte.
 Als er ungefähr 7 Jahre alt war, zogen seine Eltern nach Lüneburg *6); hier wurde sein Schicksal durch einen Zufall entschieden. Sein Vater hatte ihn schon in der Musik unterwiesen, ohne daß aber irgendwie bestimmt worden wäre, daß er Musiker werden solle. Eines Abends, als er von seiner Mutter geschickt wurde, um noch etwas einzuholen glitt er auf der dunklen Straße aus, und fiel so unglücklich, daß er sich ein Auge ausschlug. Er wurde nach Hause gebracht, und der herbeigerufene Arzt erklärte das eine Auge für verloren; vor allem galt es, das andere zu retten. Er wurde durch ein langes Siechtum an das Bett gefesselt. An seine Schwester Amalie, die damals in Uelzen war, schrieb er am 21. Mai 1796 *7):
"....lch kann Dir nicht mehr schreiben, ich habe noch zuviel Schmerzen...."
Zu seiner Zerstreuung wurde während seines Krankenlagers ein altes Klavichord quer über seinem Bette angebracht. Standig spielte er und seine musikalischen Fähigkeiten wurden bald so offensichtlich, seine Eltern darauf aufmerksam wurden und beschlossen, diese Begabung für seine Zukunft zu verwerten.
 Auch sonst hatte er schon starkes musikalisches Interesse während dieser Zeit, wie ein späterer Brief von seinem Krankenlager an seine Schwester Amalie beweist *8):
"....ich werde bald schöne neue Arien haben; wenn ich sie bekomme, will ich sie Dir abschreiben...."  
 Als er wieder gesund war, erhielt er Unterricht im Klavierspiel bei dem Organisten an der Heiligen-Geist-Kirche in Lüneburg Hartwig Ahrenbostel, und bei seinem Vater Unterricht auf der Flöte. Auf beiden lnstrumenten machte er gute Fortschritte.
 ln Lüneburg soll sich der Knabe auch schon als Komponist versucht haben. Ein Gewürzkrämer, der ein Liebhaber der Flöte war, bat den kleinen Kuhlau um einige Noten, wofür er Rosinen und Mandeln erhalten sollte, die das Herz eines kleinen Schuljungen erfreuen. Der Knabe schrieb darauf einige Tänze und andere kleine Stücke für die Flöte, also für das lnstrument, das in seinem späteren Schaffen von großer Bedeutung werden sollte.
 Nach Thrane *9) soll Kuhlau in Lüneburg die Kollmann'sche Schule, die sehr streng gewesen ist, besucht haben. Eine Schule mit dem Namen Kollmann'sche Schule hat in Lüneburg nicht existiert. Es gab wohl zu der Zeit eine Winkelschule in der Koltmannstraße, in der die Jungfer Meyn die Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtete. Daß aber Kuhlau eine Winkelschule, in der die Kinder nur die Elementarfächer lernten, besucht haben soll, dagegen spricht sein späteres Examen am Gymnasium in Braunschweig. Vielleicht gab es in dieser Zeit in Lüneburg einen Direktor namens Kollmann, denn Kuhlau sagt in einem Gedicht *10):       
 "Als wir einst noch Schwulstkuchen aßen,       
 Bei Kollmann auf der Schulbank saßen"
Vielleicht hat er auch im Anfange die obenerwähnte Winkelschule besucht, ist aber dann auf eine höhere Schule gekommen. *11)    
 1802 war Kuhlau nachweisbar in Braunschweig. Nach einem Brief *12) wohnte er dort bei einem Herrn Trömmer, Hagenpfarre. Wer Trömmer gewesen ist, war nicht festzustellen. Pfarrer auf dem Hagen war er 1802 bestimmt nicht. An der St. Katharinen Kirche, der Pfarrkirche des Hagens amtierten in der fraglichen Zeit nebeneinander Johann Heinrich Ludwig Meyer (im Amte 1777-1824) und August Anton Eobald Alers (im Amte 1781-1821). *13) Kuhlau soll in Braunschweig nach einem Brief an seine Mutter *14) zwei Söhne eines Predigers in der Musik unterrichtet haben. Es werden dies wohl die Söhne von einem auf dem Hagen amtierenden Pfarrer gewesen sein. Da beide mehrere Söhne hatten, und Aufzeichnungen nicht vorhanden sind, ist Genaueres nicht festzustellen,    
 Kuhlau besuchte in Braunschweig das Katharineum, eine höhere Schule gymnasialer Richtung. In der Einladung *15) des Katharineums vom 2. April 1802 zu dem am 8. April abzuhaltenden öffentlichen Examen wird er unter den damaligen Primanern genannt. Das Pensum, das am Katharineum nach dem oben erwähnten Programme durchgenommen wurde, war ziemlich groß. Es erstreckte sich auf die Fächer: Latein, Deutsch, Arithmetik und Algebra, Geometrie und Trigonometrie, Naturgeschichte, Religion und Tugendlehre, für einen Teil der Schüler Griechisch und Hebräisch, ferner Französisch und Geschichte. *16)   
 Nach dem über den Lehrplan der Schule Mitgeteilten wird die Annahme wohl hinfällig, daß Kuhlau in Lüneburg nur eine Winkelschule besucht haben soll.
 Da jede Nachricht über die Jahre zwischen 1796 und 1802 fehlt, ist die Zeit der Ankunft Kuhlaus in Braunschweig unbestimmbar. Es ist möglich, daß Kuhlau schon bald nach seinem Unglücksfall in Lüneburg nach Braunschweig gekommen ist. Diese Vermutung wird besonders dadurch gestützt, daß nach den Stammrollen *17) des 12. Infanterie-Regimentes "von Linsing", (dem Johann Karl Kuhlau angehörte), dieses nur bis 1796 in Lüneburg und Uelzen gelegen hat, dann aber nach Northeim, Osterode und Göttingen verlegt wurde. Wenn Kuhlaus Vater versetzt worden ist, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß er seinen Sohn nach Braunschweig geschickt hat, damit er eine gute Schulbildung erhielt, die nicht durch seine standigen Versetzungen gefährdet wurde. Kuhlau wird wohl in Braunschweig eine Freistelle als Kurrendeschüler bekommen haben.   
 In Braunschweig hat er sich auch rege mit der Komposition befaßt; durch den Beifall, den er damit bei seinen Freunden fand, ermutigt, bietet er im Januar 1802 einige Arien Breitkopf&Härtel in Leipzig zum Verlage an, die diese jedoch nicht verlegten. Der Brief vom 12. Januar 1802 *18) ist das erste authentische Zeugnis von kompositorischer Tätigkeit des jungen Kuhlau, weshalb er hier im Auszug wiedergegeben sei:
 "Schon lange ersuchen mich meine Freunde, einige meiner Kompositionen dem Drucke zu übergeben, aber immer mußte ich noch die Fuchtel der Kritik fürchten. Langer aber widerstehe ich ihren Bitten nicht und ersuche Sie daher, diesen meinen innigsten Wunsch zu befriedigen, mitgeschickte Arien in Verlag zu nehmen...."
 Wie sich sonst Kuhlau in Braunschweig betätigt und bei wem er Unterricht genossen hat, darüber können nur Mutmaßungen angestellt werden. Vielleicht ist er von dem Organisten der St. Katharinen-Kirche Karl Lemme unterrichtet worden, über den aber als Musiker nichts bekannt ist.
 Es ist auch möglich, daß Kuhlau als Schüler des Katharineums im Chor des Braunschweiger Theaters mitgesungen hat, denn nach Hartmann *19) haben die Singchöre des Martino-Katharineums zur Unterstützung des nur aus wenigen Franzosen bestehenden Chores mitgewirkt. Er könnte auch, wie Louis Spohr, *20) der zu eben derselben Zeit in Braunschweig das Carolineum besuchte, *21) im Orchester des Theaters mitgespielt haben.
 Das Repertoire der Braunschweiger Bühne in dieser Zeit glich durchaus dem der anderen deutschen Bühnen. Das Theaterpersonal bestand durchweg aus Franzosen, und die Leitung des Theaters war in französischen Händen. Der Spielplan setzte sich fast durchweg aus italienischen und französischen Werken zusammen. Vor allen anderen wurden Cherubini, Boieldieu und Paër gespielt, doch auch Mozart und Gluck wurden nicht vergessen. Kuhlau kann also schon hier für sein späteres Schaffen bedeutsame Eindrücke gewonnen haben.   
 Vermutlich wurde bald darauf Hamburg Kuhlaus neue Heimat, da sein Vater inzwischen dorthin versetzt worden war.  
 Hier wurde Christian Friedrich Gottlieb Schwencke sein Lehrer. Schwencke war am 30. August 1767 zu Wachenhausen in Hessen geboren. Schon 1779 trat er in Hamburg als Klavierspieler auf und wurde 1781 Diskantist und Clavicembalist bei der Kirchenmusik. Besonders zeichnete er sich durch Vortrag Bach'scher Fugen aus. Er war Schüler von Philipp Enlanuel Bach und Kirnberger. 1787 und 1788 besuchte er die Universitäten zu Leipzig und Halle. Nach dem Tode Ph. E. Bachs wurde er zum Stadtkantor und Musikdirektor als dessen Nachfolger emannt. Sein Amt trat er am 1. Oktober 1789 an. Schwenckes Bedeutung liegt weniger auf dem Gebiete der Komposition, er war hauptsachlich Theoretiker und Kritiker. Seine bedeutendsten Werke waren Kirchenmusik, doch auch Klavierkonzerte und Klaviersonaten hat er geschrieben. Außerdem hat er Opern komponiert, wovon eine in der Hamburger Staatsbibliothek erhalten ist. Daß er auch an dem zeitgenössischen Opernschaffen nicht vorbeiging, beweist eine eigenhändige Abschrift von Paërs "Sargino". Wahrscheinlich hat Kuhlau schon bei Schwencke nähere Bekanntschaft mit dieser für sein Schaffen so bedeutsamen Partitur gemacht. Als Kritiker ließ er viele Beitrage in der allgemeinen musikalischen Zeitung erscheinen. Er starb am 22. Oktober 1822.   
 Zu diesem sattelfesten Theoretiker und Kontrapunktisten, in dessen Lehrgang und Amtstätigkeit noch Bach'sches Erbe fortlebte, kam nun Kuhlau als Schüler. Schwencke, der als bissiger Kritiker gefürchtet war, war lange mit den Arbeiten Kuhlaus unzufrieden. Doch eines Tages mußte auch Schwencke Kuhlaus Begabung anerkennen. Er kargte dann auch nicht mit seinem Lob und stellte eines Abends, als er Kuhlau zu sich eingeladen hatte, diesen einem Kreise von Musikkennern als früheren Schüler vor, der zu bedeutenden Hoffnungen berechtige. Schwencke sagte von ihm: "er ist grundmusikalisch sowohl hinsichtlich Gefühl wie Verstand." *22)   
 Auch außer seinen Studien bei Schwencke konnte Kuhlau in Hamburg, dessen Musikleben in damaliger Zeit auf höher Stufe stand, und dessen Theater alle zeitgenössischen Werke herausbrachte, große Anregung gewinnen.   
 Schon während seiner Studienzeit bei Schwencke trat Kuhlau in Hamburger Konzerten als Klavierspieler und Komponist auf. Am 3. März 1804 *23) führte er eine Ouverture aus einer von ihm komponierten Oper "Amors Triumph" auf. *24)   
 Außerdem trat Kuhlau in diesem Konzert als Klavierspieler in dem großen Sextett von Himmel hervor. Auch damals hatte schon Kuhlau, wie ein weiterer Programmzettel vom 17. März 1804 zeigt, eine besondere Vorliebe für Klaviervariationen. *25)   
 In diesen jungen Jahren drängte es Kuhlau stark zur Instrumentalmusik. In einem Konzert von "Herrn Ritzenfeldt" am 15. Dezember 1804 wurde eine Symphonie von Kuhlau zu Beginn des Konzertes aufgeführt. Auch im Jahre 1808 findet sich wieder in einem Konzert von Ritzenfeldt zu Beginn eine Symphonie von Kuhlau. Leider ist auch davon nichts mehr erhalten. Es wäre doch sehr interessant gewesen, Kuhlau auch einmal in einem reinen Instrumentalwerk kennen zu lernen.                
 ln einem Konzert am 15. Marz 1806 *26) führte er ein von ihm komponiertes Konzert für das Fortepiano auf. Ob es das von ihm 1810 Breitkopf&Härtel angebotene Klavierkonzert in C-dur ist, das als op. 7 zwei Jahre später in diesem Verlag erschien, war nicht festzustellen. Dagegen spricht aber wohl die große Reife seines op.7. Auch für die Flöte, für die er später besonders viel arbeitete, komponierte er schon in Hamburg. Am 2. Januar 1808 spielte er mit Herrn Cestenoble Variationen für Pianoforte und Flöte. Daß Kuhlau schon mit 18 Jahren ein guter Klavierspieler gewesen sein muß, wird dadurch bewiesen, daß er in dem Konzert vom 15. September 1804 ein Klavierkonzert von Dussek gespielt hat. Daß er gerade von diesem ein Klavierkonzert gewählt hat, zeigt wohl auch, daß er sich näher mit Dussek befaßt haben muß. Darauf weist auch ein Auftrag an Breitkopf&Härtel vom 6. Oktober 1810 *27) hin, in dem er Noten von Dussek bestellt. Die musikalisch so klar zu Tage liegende Beeinflussung des Kuhlau'schen Sonatinenschaffens durch Dussek ist so auch äußerlich durch seine Kenntnis der Werke Dusseks bewiesen.   
 In dem letzten Konzerte vor seiner Flucht nach Kopenhagen trat er noch einmal mit Variationen für das Pianoforte hervor mit dem programmatischen Titel "Auf Hamburgs Wohlergehen". Ein ähnliches Programmstück, wie sein späteres op. 92 "Les Charmes des Copenhague".  
 Während der Hamburger Zeit soll Kuhlau mit einem Freunde auch eine Konzertreise nach Bremen gemacht haben. Doch das Jahr 1800, daß Thrane in seiner Biographie angibt, *28) kann nicht stimmen, da Kuhlau noch 1802 in Braunschweig war. Eher mag für die Reise das Jahr 1801 zutreffen, das in der "Nordisk Musik Tidende 1886" angegeben ist. Aber in Bremer Theaterzetteln, Konzertprogrammen und Tageszeitungen war über ein Konzert von Kuhlau nichts festzustellen. Höchstwahrscheinlich war es nur ein Privatkonzert. Bei dem von Thrane nach einem Briefe von Kuhlau erwähnten Freunde, mit dem er diese Reise nach Bremen unternommen hatte, wird es sich wohl um den Hamburger Sänger Lichtenheld handeln, der auch in Bremen Konzerte gegeben hat.
 Im Mai 1810 erschien von Kuhlau ein Rondo als op.1 bei Hofmeister in Leipzig. Sicherlich hat er auch schon vorher einige kleinere Kompositionen ohne opuszahl erscheinen lassen, sie lassen sich aber nicht genau nachweisen.   
 Noch im selben Jahre sandte er Breitkopf&Härtel eine Sonate, erhielt sie aber mit der Bemerkung zurück: "daß er nicht bekannt sei". Am 10. September 1810 sandte er sie zum zweiten Male mit einer Empfehlung von Schwencke dorthin, worauf sie in Verlag genommen wurde. Schwencke schrieb unter Kuhlaus Brief: *29)
 "In Bezug auf das, was ich persönlich mit Herrn Härtel über Herrn Kuhlau in Hamburg zu verabreden die Ehre hatte, bedarf derselbe hoffentlich keiner weiteren Empfehlung. P. S. Eine kritische Anzeige dieser Sonate für die musikalische Zeitung würde ich gerne übemehmen."   
 Mit diesem op. 4 beginnt die regelmäßige Drucklegung seiner Werke bei Breitkopf&Härtel. Schon in einem Briefe vom 6. Oktober 1810 *30) bietet er ein neues großes Werk, sein Klavierkonzert in C-dur, op. 7, Breitkopf&Härtel zum Verlage an.   
 Dieses Jahr sollte auch noch in anderer Beziehung für ihn bedeutungsvoll werden, es bildete den Wendepunkt seines Lebens. Einmal erschienen seine ersten größeren Werke in Druck, wodurch er in weiteren Kreisen bekannt wurde.   
 Dann aber kam das Ereignis, das für sein Leben und sein kompositorisches Wirken von großem Einfluß werden sollte. Napoleon und seine Politik machten im Jahre 1810 Hamburg zu einer französischen Stadt. Kuhlau sollte zum Militär kommen, er fürchtete, obgleich er nur ein Auge hatte, unter die Musik gesteckt zu werden und floh deshalb Ende 1810 nach Dänemark. Die erste Zeit hielt er sich in Kopenhagen verborgen unter dem Namen Kaspar Meier auf, da er noch immer für seine Sicherheit fürchtete. Nachdem er wieder an die Offentlichkeit treten konnte, errang er sich bald als Musiker Achtung, und blieb in Dänemark nur mit der unterbrechung durch seine Reisen bis zu seinem Tode. Er legte mit Weyse den Grundstein zu einer eigenen dänischen Musikentwicklung .

 Das Musikleben in Kopenhagen wurde, als Kuhlau im Jahre 1810 dort eintraf, von dem deutschen Komponisten Friedrich Ludwig Ämilius Kunzen beherrscht. Um das damalige Kopenhagener Musikleben richtig zu verstehen, muß erst auf die Männer, deren Wirkung in der damaligen Zeit auf die dänische Musik am starksten war, näher eingegangen werden.
 Drei Namen sind für die Musikentwicklung Dänemarks im 18. Jahrhundert zu nennen. Und zwar waren es drei Deutsche, die der dänischen Musik in dieser Zeit das Gepräge gaben, Hartmann, Schulz und Kunzen.   
 Als erster ist hier zu nennen Johann Ernst Hartmann, *31) Hartmann wurde am 24. Dezember 1726 zu Groß-Glogau in Schlesien geboren. Mit 28 Jahren wurde er bei der Kapelle des Fürstbischofs Schafgotsch in Breslau angestellt. Die Kapelle hatte damals 22 Mitglieder, Kapellmeister war der Tenorist Cannini. Schafgotsch mußte am 15. Dezember 1797 fliehen und seine Kapellisten zerstreuten sich in alle Winde. Über Rudolstadt kam Hartmann 1761 nach Plön und wurde von dem Herzog Friedrich Karl von Plön pp. als Konzertmeister angestellt. Die Verhältnisse in Plön waren ganz annehmbar, der Herzog hatte eine gute Kapelle und eine bedeutende Notenbibliothek. Als der Herzog starb, fiel das Herzogtum dem dänischen Könige zu. Glüklicherweise hatte gerade in der Zeit die dänische Schaubühne die italienische Oper übernommen und die Stadtmusikanten, die bisher das Vorrecht gehabt hatten, das dänische Theater mit Musik zu versehen, vermochten ihrer Aufgabe nicht mehr zu genügen. Daraufhin wurden von der Theaterdirektion Verhandlungen mit den Plönischen Musikern eingeleitet. Es kam eine Vereinbarung zustande,Hartmann traf am 22. Oktober 1762 mit seinen Musikern aus Plön in Kopenhagen ein. Er wurde 1768 zum ersten Hofviolinisten und zum Konzertmeister ernannt. Scalabrini war zu der Zeit Kapellmeister. Auch als dieser 1781 seinen Abschied nahm, wurde
Hartmann nicht Kapellmeister, da er sich nicht genügend Autorität beim Orchester zu verschaffen wußte. Nur ein halbes Jahr vor Ankunft Schulz' in Kopenhagen war er Kapellmeister, aber die starke Vernachlässigung schon am Ende des Jahres 1787 beweist seine geringe Dirigentenbegabung. Die Bedeutung Hartmanns liegt auf dem Gebiete der Komposition. Besonders für die Entwicklung der däinischen Oper wurde er wichtig. Näher darauf einzugehen verbietet der Rahmen dieser Arbeit.   
 Hartmanns erstes Werk für die dänische Bühne, das am 30. Januar 1778 in Kopenhagen zur Aufführung kam, war "Balders Tod", mit dem Texte von Johannes Ewald. Dieses Werk, wie sein zweites "Die Fischer", die am 31. Januar 1780 uraufgeführt wurden, sind besonders bedeutsam durch das von dem Dichter gewählte nordische Thema. "Die Fischer" stellen das Anfangsglied einer Entwicklung dar, die im Jahre 1828 mit der Komposition Kuhlaus zum "Elfenhügel" einen Höhepunkt erreichen sollte. Hartmann verwendete zum ersten Male in den Fischern nordische Volkslieder, so zum Beispiel das Lied von "Klein Gunver". Auch tauchte in den Fischern das Lied "Kong Christian" *32) auf, das bei Kuhlau im "Elfenfügel" sein klassisches Gepräge als Nationallied erhielt. Doch bei Hartmann ist das Lied als Cavatine komponiert, als Kunstmelodie behandelt und für eine geschülte Stimme geschrieben. So griff Hartmann als einer der ersten im 18. Jahrhundert in Dänemark auf die "Folkeviser" des Mittelalters zurück, und deshalb ist er auch so wichtig für eine Betrachtung der Bedeutung Kuhlaus. Hartmann starb am 21. Oktober 1793 in äußerster Not in Kopenhagen.   
 Als zweiter der für das dänische Singspiel bedeutsamen Komponisten muß Johann Abraham Peter Schulz genannt werden. Da das Leben Schulz’ bekannt ist, erübrigt sich hier ein näheres Eingehen darauf *33). Schulz wurde am 31. Marz 1747 zu Lüneburg geboren und starb am 10. Juni 1800 in Schwedt. Er war Schüler von Kirnberger, wandte sich aber später von ihm ab und bewunderte vor allem Grétry und Gluck. Seine Hauptbedeutung liegt auf dem Gebiete des volkstümlichen Liedes. Schulz kam am 19. Oktober 1789 nach Kopenhagen als Kapellmeister des königlichen Theaters. Er war ein ausgezeichneter Dirigent und brachte das Orchester auf eine hohe künstlerische Stufe. Seine Bedeutung für die Oper ist weniger groß. Er komponierte vor allem nur kleinere Singspiele. Seine in Dänemark entstandenen Hauptwerke sind "Peters Bryllup", "Höstgildet" und "Indtoget". Diese Werke sind auch, wie die von Hartmann, von volkstümlichem und nationalem Empfinden beeinflußt. Es sind darin auch Ankränge an die Volkslieder zu finden, doch nicht so bewußt und konsequent wie bei Hartmann. Beeinflußt ist Schulz hauptsachlich von Hiller, Monsigny, Grétry und Gluck.
 Der dritte der in Frage kommenden deutschen Komponisten in Dänemark war, als Kuhlau nach Kopenhagen kam, noch der führende Musiker am königlichen Theater. Friedrich Ludwig Ämilius Kunzen wurde am 24. September 1761 in Lübeck geboren.*34) Er entstammte einem berühmten Musikergeschlechte. Schon in früher Jugend beschäftigte er sich mit der Komposition, doch im Jahre 1781 ging er dem Wunsche seines verstorbenen Vaters folgend auf die Universität in Kiel, um die Rechtswissenschaft zu studieren. Er wurde dort Schüler von Karl Friedrich Cramer, der ein großer Musikfreund war, und der besonders bekannt ist durch Artikel in seiner Zeitschrift: "Magazin der Musik". Durch Cramer gedrängt, gab Kunzen seine Universitätsstudien auf und widmete sich ganz der Musik. Um Ostern 1784 kam er nach Kopenhagen, wo er bald durch seine Oper "Holger Danske", die sich auf das berühmte Epos "Oberon" von Wieland stützt, Aufsehen erregte. 1789 bewarb sich Kunzen um den Posten eines Gesangmeisters beim Theater, doch Zinck wurde ihm vorgezogen. Kunzen verließ Dänemark, kam nach Berlin, Paris, und wurde dann Kapellmeister in Frankfurt am Main und Musikdirektor in Prag. Er wurde in dieser Zeit mit dem ganzen zeitgenössischen Schaffen bekannt und erwarb sich den Ruf großer Tüchtigkeit. Als Schulz 1794 krank wurde, empfahl er Kunzen als seinen Nachfolger. Die Berufung nahm dieser mit Freuden an, da er Kopenhagen allen anderen Städten vorzog. Er fand in Kopenhagen ausgezeichnet gesanglich geschulte Kräfte und ein vorzügliches Orchester vor. Seine erste und größte Tat war die Einführung Mozarts in Kopenhagen, das der Mozart'schen Musik durch allerlei falsche Darstellungen kein Verständnis entgegenbrachte. Als erstes wählte er "Cosi fan Tutte", das aber ein vollstandiges Fiasko erlebte. Sogar Mozarts "Zauberflöte" wagte man nicht aufzuführen. Kunzens Kompositionen wurden freundlich aufgenommen. Schon in seiner ersten Spielzeit (1796/97) wurden drei Singspiele von ihm aufgeführt. Doch was er mit "Holger Danske" versprochen hatte, hielt er in seinen späteren Werken nicht. Sie bedeuten alle eigentlich einen Rückschritt gegen sein erstes Werk. Er ist hauptsächlich beeinflußt von Dittersdorf, später auch von Mozart, dessen Instrumentationstechnik er sich teilweise zu eigen machte. Während seiner Kopenhagener Kapellmeistertätigkeit vertonte er nicht weniger als 19 große dramatische Werke und eine große Anzahl Schauspielmusiken, zu deren Vertonung er verpflichtet war. Ein großer Teil davon ist so genannte Kapellmeistermusik, flüssig und glatt geschrieben, aber ohne eigentliche Inspiration. Von den Musikern nach Mozart ließ er sich nicht mehr beeinflussen, er stellte sich in direkten Gegensatz zu Cherubini, dessen Chromatik er nicht verstand. Kuhlau sprach sich wenig freundlich über die Musik Kunzens aus und verspottete seine "wasserklaren Melodien" in einem dreistimmigen Kanon "Anticherubinismus" *35) Auch sonst trat Kuhlau später zu Kunzen in direkten Gegensatz, der besonders dadurch verschärft wurde, daß Kuhlau einen Text von Baggesen "Zauberharfe" vertonte, an dem jener schon beinahe dreißig Jahre arbeitete. Die "Zauberharfe" von Kuhlau wurde am 30. Januar 1817 aufgeführt; Kunzen war in dem vorausgehenden Streit so erregt worden, daß er am 28. Januar 1817 einem Schlaganfall erlag.   
 Im großen und ganzen bewegte sich die Musikproduktion in Dänemark in alten Bahnen, doch das Theater konnte sich ausländischen Werken nicht ganz verschließen. Schon 1803 wurde von Boieldieu der "Kalif von Bagdad" gegeben; dieser stand auch von da an ständig auf dem Spielplan. Von Cherubini wurden die "Zwei Tage oder Der Wasserträger" schon 1802 aufgeführt, von Mozart 1806 "Don Juan".   
 In diese Musiksphäre trat Kuhlau, stark beeindruckt von den modernen Komponisten; er sollte als erster die modernen Prinzipien in dänischen Opern zur Geltung bringen.   
 Schon am 31. Dezember 1810 suchte Kuhlau, der sich bis dahin verborgen gehalten hatte, um die Erlaubnis zu einem Konzert im königlichen Theater nach, wobei ihn eine Empfehlung des Schleswig'schen Hofes unterstützte. *36) Das Konzert wurde am 16. Januar 1811 *37) gestattet und ihm das Theater für Mittwoch, den 23. Januar 1811,überlasen. In diesem Konzert trat Kuhlau erstmalig vor das dänische Publikum als Komponist und Klavierspieler.
 Über dieses Auftreten berichtet Bricka *38) und gibt gleichzeitig ein Bild wie Kuhlau damals war und wirkte:
 "Am 23. Januar 1811 gab er ein Konzert auf dem königlichen Theater in Kopenhagen. Man wußte kaum etwas von dem fremden Künstler, der sich hören lassen sollte. Seinen Namen kannte man, es hieß, daß er auf der Flucht von seiner Heimat nach Kopenhagen gekommen sei; aber sein Kommen wurde dadurch nicht verherrlicht, daß er schon in Europa bekannt gewesen sei. Der Vorhang hob sich, und es erschien ein schlanker jünger Mann, dessen knochige Gestalt etwas eckig in den schwarzen Kleidern erschien; er hatte starkes krauses Haar und ein langes rotwangiges Gesicht, das durch das Fehlen eines Auges verunziert wurde, aber im übrigen machte er den Eindruck großer Offenheit, zu dem doch wieder ein fast kindliches linkisches Wesen in seinen Bewegungen kontrastierte; eine gewisse Harmonie in seinem äußeren Auftreten vermißte man. Dann setzte er sich ans Klavier, Kapellmeister Kunzen hob den Taktstock, und das Musikstück, ein Klavierkonzert in C-dur, begann. Da verschwand das Gepräge von Unbeholfenheit, das bis dahin auf ihm gelastet hatte; als Meister bewies er sich, als die Töne unter seinen Händen und Fingern, die mit erstaunlicher Fertigkeit über die Tasten glitten, entstanden, und als er endlich nach dem letzten Allegro sich vom Klavier erhob, wurde das erste Auftreten Friedrich Kuhlaus vom dänischen Publikum mit Beifall gefeiert."
 Kuhlau hatte in diesem Konzert ein musikalisches Tongemälde seiner eigenen Komposition "Ungewitter auf dem Meere" - ein programmatisches Stück in der damals so beliebten Art *39) und sein in Hamburg entstandenes C-dur Klavierkonzert op. 7, das er später Weyse widmete, gespielt. Außerdem führte er von Mozart zwei Ouverturen und von Righini eine Arie auf. *40) Er wurde vom Kopenhagener Publikum bei dieser und späteren Veranstaltungen mit warmer Sympathie aufgenommen.   
 Am 27. Februar 1811 bewarb sich Kuhlau um die Klavierlehrerstelle am Theater. *41) Kunzen, der um ein Gutachten von dem Oberhofmarschall Hauch gebeten wurde, unterstützte das Gesuch Kuhlaus. *42) Er betonte besonders, daß man zwar für die Stellung eines Klavierlehrers bei der Singschule auch einen anderen finden würde, aber er hielte es für angebracht, daß Leute von den Talenten und Kenntnissen Kuhlaus ins Land gezogen würden. Das Honorar für zwei Stunden täglich im Jahre von 300 rbd. *43) hielt er den Zeitumständen nach für äußerst billig. Die Theaterdirektion befürwortete auch den Antrag Kuhlaus, doch durch eine königliche Resolution *44) wurde ein anderer ihm vorgezogen, und der Klavierspieler J. C. Förster wurde mit der von Kuhlau verlangten Gage als Musiklehrer am Theater angestellt. Er blieb trotzdem in Kopenhagen, und am 27. November 1811 gab er ein neues Konzert im königlichen Theater. *45) In diesem Konzerte führte er eine von ihm komponierte Szene aus "Ossians Comola" auf, wieder eine dramatische Arbeit, von der uns nichts erhalten ist. *46)
 Auch bei Hofe spielte Kuhlau noch in diesem Jahre. Am 14. Dezember 1811 *47) wurde er aufgefordert, sich am Abend um 7 Uhr im Vorgemach der Königin einzufinden, da diese ihn zu hören wünschte. In einem Briefe vom 18. Dezember 1811 bedankte sich der Oberhofmarschall Hauch *48) für den schönen Abend, den Kuhlau seinen Zuhörern bereitet hatte, und ließ ihm zugleich vom Könige ein Geschenk von 100 rbd. zugehen. In demselben Jahre erzählt Kuhlau in einem Briefe an Breitkopf&Härtel, daß er die bedeutendsten Musiker Kopenhagens jener Zeit kennen gelernt habe. Er berichtet in diesem Briefe vom 8. Oktober 1811 : *49)     
 "....denn ich habe hier die Bekanntschaft einiger in musikalischer Hinsicht, sehr merkwürdiger Männer gemacht, als "Weise" durch seine trefflichen Klavierstücke bekannt, er ist der größte Klavierspieler, den ich bisher      gehört habe, Kunzen....ist ein sehr würdiger Mann".   
 Schon im Anfang des Jahres 1812 hatte sich Kuhlau, durch die freundliche Aufnahme der Musikkreise Kopenhagens bewogen, entschlossen, in Dänemark zu bleiben. Noch fester aber wurde er im folgenden Jahre an Kopenhagen gefesselt, als er am 20. Februar durch die königliche Resolution *50) zum Kammermusikus, wenn auch ohne Gage, ernannt wurde, bis eine Stelle mit Gage durch Abgang frei würde. Am 3. März 1813 erhielt er durch Naturalisationspatent das dänische Heimatsrecht.   
 Bald lernte er auch in dem Dichter Adam Oehlenschläger den Mann kennen, der durch die richtige Erkenntnis der dramatischen Begabung Kuhlaus. Er seine Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung werden sollte. Er schrieb für Kuhlau das Singspiel "Die Räuberburg". Unter welchen Gesichtspunkten er gerade dieses Sujets für Kuhlau gewählt hat, zeigen am besten Oehlenschlägers eigene Worte : *51)   
 "Weyse wünschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu komponieren und der herrliche Kuhlau, der nur erst durch seine Instrumentalmusik bekannt war, bat mich gleichsfalls, ihm ein solches zu schreiben. lch überlegte, was sich für das Genie beider eignen könnte. Kuhlau schien mir lebendig und effektvoll zu sein; in Weyses Musik hatte mich stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Träumereien hingerissen. Ich schrieb die Räuberburg für jenen, Ludlams Höhle für diesen."   
 Wie bekannt ist, entstand die "Räuberburg" in ländlicher Umgebung und dies wirkte sich auch in ihr aus. Kuhlau komponierte das Singspiel innerhalb von vier Monaten in Löwenburg, wo er der Gast der Familie Løvensskjold war, mit der er auch Zeit seines Lebens in Verbindung gestanden hat.   
 Die "Räuberburg" wurde am 26. Mai 1814 im königlichen Theater aufgeführt und erntete großen Beifall. Mit diesem Singspiel stellte sich Kuhlau den besten dänischen Meistern an die Seite, Kunzen und Weyse. Er brachte in ihm etwas vollständig Neues nach Dänemark. Hammerich *52) sagt über die "Räuberburg" :   
 "....wenige Jahre darauf gab er sich zu erkennen mit der Räuberburg, welche in Wirklichkeit eine geniale Antizipation der Romantik bezeugt, wie sie 10 Jahre später mit Webers "Freischütz" zu Tage kam. Soviel war Kuhlau also von der neuen Zeit beeinflußt. Was aber so in der ersten Gärung seiner Jugend sich Form geschaffen hat, wurde eigentlich später nicht in derselben Richtung weiter entwickelt. Man kann daher Kuhlau nicht als Romantiker im allgemeinen Sinne bezeichnen; man kann in seinen Werken auch nicht den definitiven Punkt spüren, womit er sich von dem Alten, zu Erbe genommenen losreißt und etwas vollständig Neues gab."   
 Doch seine Musik zur "Räuberburg" blieb nicht unwidersprochen, denn sie brachte etwas vollständig Neues in die in Formschablonen erstarrte dänische Musik. Besonders in der Harmonik brachte er als erster dänischer Komponist die Chromatik an. Der chromatische Stil, der bis dahin in Dänemark nur durch die Opern Cherubinis bekannt geworden war, war damals schlecht angeschrieben bei den "Orthodoxen". Beethoven lag zu der Zeit sozusagen außerhalb der Grenzen des Erträglichen. Sogar Weyse, der doch derselben Generation wie Kuhlau an gehörte, verurteilte ein Streichquartett (op. 59) von Beethoven als gute Musik zu "hans Majestaets Fandens Fødselsdag" (zu dem Geburtstage Seiner Majestät des Teufels). Weyse konnte auch sagen "Nu skal han bindes" (Nun muß er gebunden werden). Doch trotz des Widerstandes der "Orthodoxen" gegen die Chromatik und die neuen Ideen in der Musik Kuhlaus errang die "Räuberburg" solch einen Erfolg, daß sie von da ab städig auf dem Spielpläne blieb. Bis 1879 wurde die "Räuberburg" in Kopenhagen 91 mal aufgeführt.   

 Die "Räuberburg" ging auch im Auslande in Szene. Die erste deutsche Auffühlung fand am 22. Marz 1816 in Hamburg *53) statt. Kuhlau leitete die ersten Aufführungen selbst und errang große Beifall. Innerhalb von zwei Jahren (1816/17) wurde die "Räuberburg" *54)zehnmal aufgeführt. Auch in Kassel wurde das Singspiel und zwar unter den Titel "Die Burg Rocheloup" am 28. Juli 1819 zur Feier des Geburtstages des Kurprinzen von Hessen erstmalig aufgeführt. 55*)   
 Nach Thrane fanden auch Aufführungen in Riga und Leipzig statt. *56)   Schon in dem Jahre der Uraufführung der "Räuberburg" 1814 kamen seine Eltem nach Kopenhagen. Von jetzt an mußte er ständig für sie und auch für seine jüngste Schwester Christina Magdalene sorgen. *57) Wahrscheinlich sind auch Kuhlaus Eltern durch die politischen Verhältnisse gezwungen worden, nach Kopenhagen auszuwandern.
 Kuhlau hatte eine ruhelose Natur und vermochte nicht ständig in dem engen Kopenhagen zu bleiben. Hieraus lassen sich seine vielen Reisen erklären, auf denen er vor allem auch künstlerisch große Anregungen empfing.   
 lm Jahre 1815 untemahm er seine erste größere Kunstreise von Kopenhagen. Er reiste wohl Ende Januar *58) oder Anfang Februar mit dem Waldhornisten Johann Christoph Schuncke *59), der auch durch seine Konzerte in Deutschland bekannt geworden ist, nach Stockholm und kam Anfang Juli wieder nach Kopenhagen zurück. Bei diesem seinem ersten Aufenthalte in Stockholm gab er zwei Konzerte, das erste am 13. April *60),das nur schwach besucht war, und eins am 29. April. Im ersten Konzerte spielte er die von seinem Auftreten in Kopenhagen schon bekannten Bravournummern sein C-dur-Klavierkonzert und die Variationen über das Lied des Wasserträgers von Cherubini. Im zweiten Konzert spielte er ein anderes von ihm komponiertes Klavierkonzert, (das aber nicht erhalten ist, da es bei dem Brande in Lyngbye 1831 verloren ging), Variationen über "God save the King" und endlich ein Potpourri über schwedische Nationalgesange und Tanze. Von der Stockholmer Kritik wurde Kuhlau als geistreicher und gründlicher Künstler bezeichnet. Diese Reise blieb nicht seine einzige nach Schweden; er fand dort immer Anerkennung und wurde später auch Mitglied der königlichen musikalischen Akademie in Stockholm. Auf dieser Reise hatte er auch gute Einnahmen, wie wir aus einem Briefe seines Vaters an seinen Bruder Andreas erfahren. *61)   
 Lange litt es ihn nach seiner Rückkehr von seiner Schwedenreise nicht in Kopenhagen. Schon im Frühjahr 1816 reiste er nach Hamburg. Er gab dort am 6. Marz 1816 ein großes Vokal- und Instrumental - Konzert im Apollosaal *62). In der Hauptsache führte er eigene Werke auf, so sein Klavierkonzert, "Variationen für das Klavier", eine große Sonate für Klavier und Klarinette, weiter eine Kantate "Die Feier des Wohlwollens" *63), und an Instrumentalwerken die Ouverture zur "Räuberburg". Zu Anfang seines Konzertes stand eine Symphonie von Mozart auf dem Programm, dann folgte eine Arie mit obligater Klarinette von Spohr. Am 22. März 1816 wurde unter seiner Leitung die "Räuberburg", wie schon oben erwähnt, mit großem Beifall im Hamburger Stadttheater erstaufgeführt. Er wird wohl auch die folgenden Vorstellungen am 30. März, 5. April, 7. und 10. April selbst geleitet haben. *64) Am 13. April gab er noch ein großes "Vokal-, Instrumental- und Deklamationskonzert". *65) Im musikalischen Teil finden sich außer einer Arie von Paër nur Werke von Kuhlau. Außerdem wurden noch ein Märchen und die Bürgschaft von Schiller gesprochen.   
 Im Mai 1816 war Kuhlau wieder in Kopenhagen. Am 1. Juni 1816 erhielt er eine Anstellung als Gesanglehrer am Theater mit einer Gage von 500 rbd. jährlich. *66) Endlich bekam Kuhlau ein Gehalt, um das er sich schon seit l813 ständig bemüht hatte. *67) Im Jahre 1813 unterstützte der Oberhofmarschall Hauch *68) in einer Eingabe an den König vom 22. Mai das Gesuch Kuhlaus mit folgenden Worten: "Ich möchte hierzu alleruntertänigst berichten, daß Kuhlau ein talentvoller, hoffnungsvoller Musikus und Komponist ist, daß seine oeconomische Verfassung äußerst mäßig ist, sodaß er wegen Nahrungssorgen nicht so große Geisteskraft und Munterkeit an den Tag legen kann, wie es für alle Kunstarten nötig ist." Doch Kuhlau erhält auch diesmal nur eine Gratifikation von 200 rbd. *69) Schon am 30. August 1813 reichte Kuhlau ein neues Gesuch um Vergönnung einer Gage an den König ein. *70) Da dieses Gesuch so klar und deutlich Kuhlaus immer wiederkehrende Bemühungen um ein Gehalt zeigt, folgt es umstehend.
 "Als Seine Majestät so gnädig war, mich mit dem Titel königlicher Kammermusikus zu beehren, fühlte ich mich bereits unaussprechlich glücklich, bei der Ehre, Bürger und Untertan Seiner Majestät zu sein, und nur, als die Nebenumstände immer drückender wurden und meinen Aufenthalt hier beschwerlich machten, wagte ich es, in Anbetracht der väterlichen Fürsorge, die Majestät stets für seine Untertanen nährt, mich der Hoffnung hinzugeben, daß Seine Majestät auch mir gegenüber so gnädig sein wird, mir ein sorgenfreies Leben durch Gewährung einer jährlichen kleinen Gage zu erleichtern.       
 Nun, da die Nahrungssorgen in mir vollständig den sich regenden Kunsttrieb zu töten drohen, nähere ich mich zum zweiten Male fürchtsam und ehrerbietig in dieser Angelegenheit und bitte Seine Majestät alleruntertänigst um ein jahrliches Gehalt."   
 Doch auch dieses Gesuch hatte keinen Erfolg.   
 Kuhlau wurde nun Gesanglehrer am Theater an Stelle von Kunzen. Doch lange hielt er es in dieser Stellung nicht aus. Ob das nun an den Schikanen gelegen hat, die er teilweise zu erdulden hatte, *71) oder daran, daß 1817 Schall Kapellmeister wurde, den Kuhlau als Musiker verachtete, und von dem er zu Oehlenschläger sagte *72) : "er kann nicht acht Takte nacheinander richtig setzen", ist nicht zu belegen. Als Gründe gibt er selbst an, daß es immer sein Bestreben gewesen sei, sich soviel als möglich vom Unterrichtgeben frei zu machen, um seine Zeit ungestört zum Komponieren verwenden zu können, zweitens, daß seine Gesundheit darunter litte, da seine schwache Brust eine so heftige Anstrengung, wie das beständige Vorsingen bei Anfängern erfordere, nicht zu ertragen vermöge. Er bat, von dem Amte des Singlehrers enthoben zu werden, wünschte aber die Gage von 500 rbd. zu behalten, wofür er sich verpflichten wollte, jährlich eine Oper für das Theater zu komponieren. Die Theaterdirektion unterstützte diesen Antrag Kuhlaus mit der Begründung, daß Schall bei seiner Anstellung als Kapellmeister am Theater von der bisher üblichen Verpflichtung, jedes Jahr eine Oper für die Bühne zu liefern, befreit worden sei. Dieser verlust würde wohl durch die Erhörung des Kuhlauschen Wunsches unzweifelhaft auf eine für alle Musikfreunde sehr erfreuliche Weise wett gemacht werden. *73)ln der Resolution vom 26. Juli 1817 wurde Kuhlau von dem Singlehrerposten enthoben, aber sein Antrag um Beibehaltung der Gage abgelehnt; es wurde ihm aber gleichzeitig bekannt gegeben, daß er, wenn er wirklich Opern für das Theater komponiere, dafür Bezahlung erwarten könne. *74)Kuhlau war also wieder ohne Gehalt. Anfang 1818 reichte er neuerdings ein Gesuch ein und diesmal hatte er wirklich Erfolg, da der Kammermusikus Junck, der eine Gage gehabt hatte, gestorben war. Durch königliche Resolution vom 25. April 1818 wurde Kuhlau zum "Kammermusikus mit Gage" mit einem jährlichen Gehalt von 300 rbd. *75)ernannt. Er wurde dafür verpnichtet, daß er, außer Klavier bei Hofe zu spielen, eine geistliche oder sonstige Gelegenheitsmusik für den Hof komponieren müsse, wenn es befohlen werde; oder daß er, falls dieses nicht von ihm verlangt werde, eine Oper für das Theater schreiben müsse.
 Im Jahre 1816 befaßte sich Kuhlau mit einer neuen dramatischen Komposition, nämlich mit dem Singspiel "Zauberharfe" von Baggesen. Kuhlau wurde mit der Komposition dieses Stückes sehr gedrängt, da es zu des Königs Geburtstag Januar 1817 aufgeführt werden sollte. *76) Kuhlau war früh genug mit der Komposition fertig. Das Singspiel wurde aufgeführt, ging aber unter ganz ungünstigen Auspizien in Szene. Dieses Stück hatte nämlich schon eine lange Geschichte. Baggesen entwarf 1789 den Plan zur "Zauberharfe". Baggesen bot es Kunzen an, der auch die ganze Oper komponierte, obgleich er das Singspiel noch nicht vollendet hatte. Kunzen ließ sich auf seinen Reisen einen provisorischen Text nach dem Entwurfe Baggesens schreiben. Doch durch einen Streit zwischen Baggesen und Kunzen wurde der Text nicht vollendet. Baggesen gab diesen aber 1816 Kuhlau; so kam der Text, an dem Kunzen 30 Jahre gearbeitet hatte, mit der Musik von Kuhlau aus Anlaß des Geburtstages des Königs zur Aufführung. Nun entstand auch noch ein Streit zwischen Peder Hjord, der sich unrechtmäßigerweise das Urheberrecht anmaßte, und Baggesen. Die Aufführung am ersten Abend bei der Festvorstellung verlief begreiflicherweise ruhig, aber am zweiten Abend brach das Unwetter gegen Baggesen los. Das Stück mußte deswegen vomテキスト ボックス:  Repertoire abgesetzt werden, trotzdem die Kuhlau'sche Musik reiche Anerkennung fand und während der Aufführung viel für ihn applaudiert wurde. Sogar ein Jahr später, nachdem Baggesen in einem Prozeß gegen Peder Hjord seine Urheberschaft nachgewiesen hatte, *77) mußte das Singspiel wegen des entstehenden Tumultes wieder vom Spielplan abgesetzt werden. Durch diese unglücklichen Verhältnisse hatte Kuhlau keine Einnahmen aus dem Singspiel; mehrfach bemühte er sich um eine Benefiz-Vorstellung, *78) die ihm aber wegen der Sachlage nicht bewilligt werden konnte. Dadurch kam er so in Geldverlegenheit, daß er um ein Darlehen von 1200 rbd. nachsuchen mußte, das ihm auch in Anerkennung der Verhältnisse im Mai 1817 aus dem "Fond ad usus publicos" auf die Bürgschaft der Theaterdirektion hin ausgezahlt wurde. Kuhlau verpflichtete sich nämlich, *79) die 1200 rbd., wenn er eine Benefiz-Vorstellung für die "Zauberharfe" erhielte, zurückzuzahlen. Dieser Betrag war auch beim Tode Kuhlaus trotz einer Mahnung am 13. März 1829 *80) noch nicht zurückgezahlt worden, und wurde dann den Erben erlassen.   
 Durch diese unglückseligen umstände blieb die "Zauberharfe" als das einzige Singspiel Kuhlaus mit Ausnahme der Ouverture ungedruckt. Die handschriftliche Partitur liegt auf der königlichen Bibliothek zu Kopenhagen.   
 Von 1818 an waren Kuhlaus Eltern nachweisbar in Kopenhagen, und er mußte jetzt vollständig für sie sorgen. Deswegen war er ständig in Geldverlegenheit, denn sein Kammermusikusgehalt, das er auch erst vom April 1818 an erhielt, reichte nicht weit. Sogar vielen seiner Kompositionen merkt man es an, daß sie nur für den Zweck geschrieben sind, Honorar zu erhalten. Daher hat er so viele Modestücke, darum auch so viel für das Modeinstrument, die Flöte, komponiert. Bezeichnend auch dafür, wie sehr es ihm um Honorar zu tun war, ist ein Brief an den Verlag C. F. Peters in Leipzig vom 3. Dezember 1819. Er schreibt:     
 "Ew. Wohlgeboren        
offeriere ich hierdurch zu Ihrem Musikverlage beyfolgende zwölf deutsche Lieder, die ich gerne recht bald in Druck sehen möchte. Das Honorar für dieses Werkchen bestimmen Sie gefälligst selbst - es müßte aber nicht in Musikalien, sondern im baaren Geld bestehen.- *81)   
 Im Jahre 1818 wurde Kuhlau ein neues Singspiel zur Komposition zugestellt. Es war das erste Stück nach seiner Ernennung zum Kammermusikus, das er zur Komposition erhielt unter Bezugnahme auf seine Verpflichtung als Kammermusikus, diese Oper zu vertonen. *82) Das Singspiel "Elisa oder Freundschaft und Liebe" hatte der Seminarlehrer Caspar Johannes Boye geschrieben, der für dieses Stück ein beachtenswertes Empfehlungsschreiben von der Theaterdirektion erhalten hatte, nach dem dieses sowohl inhaltlich wie formal eine Zierde für die Literatur und das Theater bedeute. *83) Doch der Text von "Elisa" ist keineswegs so, wie man es nach der Empfehlung des Theaters glauben sollte. Overskou *84) schreibt über "Elisa" : "das Singspiel Elisa......hatte keinen Erfolg, die Handlung war auch zu erbarmlich." Der Text ist untheatralisch, langweilig und ohne besondere Handlung. Mehrere Personen, die eine wichtige Rolle im Stücke spielen, erscheinen überhaupt nicht. Kuhlau machte sich an die Arbeit und beendete das Stück bald, denn schon April-Mai 1819 bemühte sich Boye um die Aufführung des Singspieles. *85) Doch erst 1820 *86) wurde das Stück aufgeführt, nachdem die Aufführung mehrfach verschoben worden war. Auch konnten einige Sänger ihre Partien nicht bewätigen und gaben sie zurück. *87)   
 Ein neues Singspiel von Boye, "Aandsproven" (Geistes- prüfung). wurde Kuhlau 1819 zugesandt. Trotz des Hinweises auf seine Verpflichtung hat Kuhlau dieses Stück nicht in Musik gesetzt; der Text wird wahrscheinlich noch schlechter gewesen sein als der von "Elisa", und Kuhlau *88) wird sich geweigert haben, es zu vertonen.   
 Kuhlau hatte auch schon vorher, nämlich 1817 eine Oper begonnen, und zwar "Alfred" von Kotzebue, in der Übersetzung von Sander. *89) Er fragte bei der Theaterdirektion in einem Briefe vom 2. September 1817 an, ob er mit einer Aufführung der Oper noch im Winter 1818 rechnen könne, denn er hoffe, in 4-5 Monaten mit der Arbeit fertig zu werden. Da er von der Theaterdirektion keine feste Zusage erhielt, *90)scheint er die Vertonung der Oper abgebrochen zu haben.   
 1820 bat Kuhlau wiederum um eine Erhöhung seiner Gage, denn durch die Komposition einer großen Oper verlöre er soviel Zeit, daß er sich seinen Privatgeschäften überhaupt nicht widmen könne, und dadurch keine Nebeneinnahme habe. Um von der Gage als Opernkomponist mit seiner Familie leben und sich ganz seiner Kunst widmen zu können, müsse er eine Gage von wenigstens 1000 rbd. erhalten. *91) Doch auch dieses Gesuch wird wie alle anderen bisherigen abschlägig beschieden.   
 1820/21 wurde Kuhlau wiederum ein Stück zugestellt, dessen Text von Professor Kruse war. Am 24. Januar 1821 fragt die Theaterdirektion bei Kuhlau an, wann sie die Musik zu dem Kruse'schen Stücke erwarten könne. *92) Darauf schreibt Kuhlau am 3. Februar 1821: *93)   
 "Die Dichter nehmen, wenn sie Singstücke schreiben, so selten Rücksicht auf die musikalischen Forderungen, daß immer unglaublich viel nachzubessern bleibt. Bald folgen mehrere ernste, oder auch muntere Nummern aufeinander, wodurch die so gefällige Abwechslung unterbunden wird; bald herrscht dasselbe Silbenmaß mehrere Arien, Duette oder Chöre hindurch, was wiederum ähnliche Folgen hat. Oft ist die Situation für Musik nicht geeignet; oft stände das Duett besser an Stelle der Arie und umgekehrt. Und so ist, wenn die Komposition gelingen soll, immer genug zu berichtigen, was die Dichter auch gern tun, da ihre Ehre ja auch dadurch gewinnt. Aber ist er abwesend, und soll der Komponist allein alle diese Schwierigkeiten bekämpfen, so ist es ihm unmöglich, schnell vorzugehen, und oft findet er sich in ganz unüberwindlichen Schwierigkeiten, die ihm Lust und Mut benehmen, weiterzugehen, da er einsehen muß, daß er sich bei dieser Arbeit nur der Ehre und des Ruhmes begibt!"   
 Am SchluB sagt er noch, daß er bei dieser Oper keinesfalls den Zeitpunkt der Fertigstellung bestimmen könne. Die Oper hat Kuhlau nie vollendet, vielleicht auch nie begonnen.
 Am 12. Februar 1821 reicht er zwei Gesuch *94 u. 95*) ein. Zu dem einen schreibt Hauch *96) folgendermaßen:
 "Jährlich eine große geistliche Musik zu liefeln oder jährlich Musik für eille Oper zu komponieren, ist eine so mächtige Arbeit, daß kaum erwartet werden kann, daß dies mit der nötigen Vollkommenheit ausgeführt wird, teils wegen der umfangreichen Arbeit selbst, teils unter Hinblick darauf, daß der Komponist nicht fortwärend soviele Resourcen in sich haben kann, und den Reichtum an Ideen, der dazu erforderlich ist.       
 Und es ist doch viel wichtiger wenige gute, als viele und maßige musikalische Kompositionen zu erhalten, und ich glaube daher, in Übereinstimmung mit der Natur der Sache das alleruntertänigste Gesuch des Kammermusikus Kuhlau unterstüzen zu müssen, besonders da die Bezahlung von 300 rbd. nicht im proportionellen Verhältnis zu der Wichtigkeit und Größe der Arbeit steht, und sein Begehren zu empfehlen, davon freigemacht zu werden, öfters eine große geistliche Musik oder mangels dessen Musik für eine Oper zu liefern, als nur jedes zweite Jahr."
 Der König genehmigte dieses Gesuch *97) und Kuhlau ist von jetzt an nur noch verpflichtet, jedes zweite Jahr eine Oper zu schreiben.
 In dem zweiten Gesuche sucht Kuhlau um die Erlaubnis zu einer Auslandsreise nach. Hauch unterstützt auch dieses Verlangen und schreibt folgendermaßen: *98)      
 "Unweigerlich würde eine Reise ins Ausland ein sehr kräftiges Mittel für Kammermusikus sein, sein musikalisches Talent zu erweitern und sich weitere Kenntnisse in seinem Fache zu erwerben; und da er also hierdurch noch nützlicher für die Dienste Seiner Majestät werden wird, so glaube ich alleruntertänigst sein Gesuch empfehlen zu können, daß er Erlaubnis erhält,zwei Jahre nach dem Ausland zu gehen, und während dieser Zeit die ihm allergnädigst zugeschriebene Gage zu behalten."
 Durch Resolution vom 20. Februar 1821 wird auch dieses Gesuch in vollem Umfange vom König bewilligt. *99)
 Im März 1821 machte Kuhlau sich auf die Reise, die aber entgegen seinem Entschlusse nicht länger als ein Jahr dauern sollte. Der Komponist reiste über Leipzig, wo er einen Besuch bei Härtel, bei dem er freundlich aufgenommen wurde, machte, und durch die sachsische Schweiz nach seinem eigentlichen Ziel, nach Wien. Kuhlau beabsichtigte auch nach Italien zu reisen, aber aus diesem Vorsatze ist nie etwas geworden. Kuhlau hat Beethoven auf dieser Reise noch nicht kennengelernt, dieser Wunsch sollte erst auf seiner zweiten Reise nach Wien 1825 in Erfüllung gehen. Das wichtigste Dokument von Kuhlaus Reise ist ein Brief an Jacob Trier *100) in Kopenhagen, datiert 22. September 1821. Er folgt hier im Auszug, weil er das beste Bild von Kuhlaus Reiseerlebnissen und Eindrücken vermittelt. *101)       
 "....Wien ist so heiter und freundlich wie seine Bewohner. Ein jeder scheint hier nur zu leben, um zu genießen und sich des Genusses zu erfreuen. Natur und Kunst bieten denn hier auch so mannigfache Genüsse dar, daß man wirklich oft um Wahl verlegen ist. Außer so vielen anderen öffentlichen Vergnügungsorten gibt es hier auch fünf Theater, worin jeden Abend gespielt wird. Die zwei k. k. Hoftheater, nämlich das Burgtheater und das Kärnthner Thor-Theater, sind die vorzüglichsten und die Mehrsten ihrer Mitglieder berühmte Künstler, einige auch bekannte Schauspieldichter, wie Ziegler, Lempert, Madame Weissenthum. Das Schauspiel ist hier überhaupt ganz vortrefflich, ich besuche es mehr wie die Oper, denn leider treibt auch hier Rossinis unsauberer Geist sein böses Wesen. Madame Grünbaum *102) ist hier die erste Sängerin und überhaupt die größte Sängerin, welche ich jemals hörte. Schade, daß ich sie in keinen anderen als in Rossinis Opern hörte, worin ein solches Lärmen und Toben herrscht, vorzüglich in der hier so beliebten "Diebischen Elster", worin nicht allein unaufhörlich Trompeten schmettern und Pauken donnern, sondern auch noch große und kleine Trommeln, Becken,Triangel etc. einen so betäuben, daß man mit Jenem      (der eben eine solche Oper verließ, als ihm auf der Straße der Zapfenstreich begegnete) ausrufen möchte: Gott lob! daß ich endlich einmal wieder sanfte Musik höre! Während meines Hierseins wurde nur eineinziges Mal eine Mozartsche Oper gegeben, nämlich die Zauberflöte. Das Haus war leer und es wurde nur dann applaudiert, wenn irgend ein Sänger oder eine Sängerin Mozarts edle Melodien mit Rossinischen Schnörkeleien verunstaltete. Hieraus erhellet nun wohl, daß hier jetzt in der Musik eben nicht der beste Geschmack herrscht. --- Ich lebe hier übrigens, auf meine Weise, ein sehr angenehmes Leben. Des Morgens komponiere ich, des Nachmittags gehe ich spazieren, oder besehe die Merkwürdigkeiten Wiens, und des Abends gehe ich ins Theater, welches mir immer das größte Vergnügen gewahrt. Viele Bekanntschaften, außer mit den vorzüglichsten Künstlern, habe ich hier nicht gemacht, und vermeide es auch absichltlich, denn da ich immer sehr fleißig sein muß, um die bedeutenden Reisekosten zu erschwingen, so würden sie mich nur in meinen Arbeiten stören. Soviel Vergnügen nun mir auch diese Reise gewährt, so sehne ich mich doch wirklich sehr nach Kopenhagen, meinen Eltern und dortigen lieben Freunden zurück. Auch hoffe ich dort in der Folge angenehmer als zuvor zu leben, da mich die persönlichen Bekanntschaften, welche ich mit mehreren Musikverlegern gemacht habe, in den Stand setzen, das Informieren ganz aufzugeben und bloß von dem Ertrag meiner Kompositionen zu leben. --- Ob ich auch nach Italien komme, ist noch sehr unbestimmt; wahrscheinlicher ist es, daß ich in einigen Wochen nach München reise, mich dann noch ein wenig in den vorzüglichsten Städten Deutschlands herumtreibe und nächsten Frühling wieder in Kopenhagen eintreffe. Ich habe hier oft das Vergnügen gehabt, Kopenhagener zu sehen, auch ist der Herr Kapellmusikus Wexschall noch hier wird aber in der nächsten Woche nach Paris reisen."   
 Ob Kuhlau seine beabsichtigte Reise nach München ausgeführt hat, ist nicht nachzuweisen. Es ist aber anzunehmen, daß er in dieser Stadt war, da die Ouverture zur "Zauberharfe" hier am 1. Dezember 1823 aufgeführt wurde. *103)Kuhlau wird dann wohl mit den führenden Musikern *104)Fühlung genommen und die Partitur zur "Zauberharfe" dagelassen haben.
 Die Hoffnungen, die Kuhlau an seine persönliche Bekanntschait mit den Musikverlegern knüpfte, sollten sich aber nicht erfüllen. Im Jahre 1822 brachen Breitkopf&Härtel trotz der persönlichen Bekanntschaft mit Kuhlau jede Geschäftsverbindung ab. Kuhlau hatte sich schon früher oft über das geringe Honorar für seine Arbeiten, jetzt auch noch über Druckfehler und über eine Recension, welche in der Allgemeinen musikalischen Zeitung, die von Breitkop&Härtel herausgegeben wurde, erschienen war, beklagt. Schon in einem Briefe vom 12. August 1815 schreibt er wegendes Honorars: *105)       
 "Sollten Sie aber nicht geneigt sein, mir für diese drei Werke ein baares Honorar von 10 Louisdor nebst einigen Freiexemplaren zu bewilligen, so muß ich Sie bitten, mir mit erster Post meine Manuskripte zurück zu schicken."   
 Von 1822 an erschien auch kein Werk mehr von Kuhlau im Verlage von Breitkopf&Härtel. Die Geschäftsverbindung, die von 1810, dem Erscheinen der ersten Werke Kuhlaus, bestanden hatte, wurde so jäh zerrissen.   
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 Kuhlau hat auf dieser Reise nach Deutschland sehr viel Neues gehört und gesehen, denn er schreibt selbst in seinem Briefe an Trier vom 22. September 1821, daß er viele bedeutende Künstler in Wien kennen gelernt habe. Beethoven hat er 1821 noch nicht besucht, doch wird Kuhlau, der immer schon ein großer Beethoven- Bewunderer war, die Gelegenheit wahrgenommen haben, die Werke dieses Meisters in Wien selbst zu hören.  
 Als er nach Kopenhagen zurückkam, wurde dort gerade ein Werk aufgeführt, das auf seine späteren Kompositionen, besonders auf sein nächstes Singspiel "Lulu" befrüchtend gewirkt hat. Es war Webers "Freischütz", der am 26. April 1822 in Kopenhagen unter dem Titel "Jaegerbruden" erstmals in Szene ging. *106) Es ist aber auch möglich, daß Kuhlau den "Freischütz" schon in Deutschland gehört und gesehen hat, wenn er, was nicht von der Hand zu weisen ist, auf seiner Deutschlandreise zuerst nach Berlin gekommen ist, wo der "Freischütz" am 18. Juni 1821 uraufgeführt wurde. Die Ouverture zum Freischütz hat Kuhlau schon früher Gelegenheit gehabt zu hören. Weber, der 1820 in Kopenhagen war. hatte dort in einem Konzert am 8. Oktober 1820 seine Freischütz-Ouverture uraufgeführt. *107)    
 Das nachste wichtige große Werk, das Kuhlau in Musik setzte, war "Lulu". Den Stoff zu dem Singspiel hatte der Dichter Friedrich Güntelberg aus Wielands "Dschinnistan" entnommen. Der Lulu- Stoff war der erste Text zu Mozarts "Zauberflöte" gewesen. Mozart hatte aber die ursprüngliche Fassung aufgegeben, als derselbe Stoff an einem Wiener Theater mit der Musik von WenzeI Müller *108) zur Auführung gelangte. Schikaneder mußte den Text umarbeiten, und so entstand die "Zauberflöte" in ihrer jetzigen Gestalt. Die Oper von Wenzel Müller, die den Lulu-Stoff bearbeitet, ging unter dem Titel der "Fagottist oder die Zauberzither" über fast alle deutschen Bühnen, Kuhlau hatte die Möglichkeit, die "Zauberzither" sowohl in Braunschweig, wie in Hamburg zu hören.
 Den Text zu "Lulu" hatte Güntelberg schon am 28. August 1822 eingereicht, und die Theaterdirektion hatte sich über den Text sehr lobend ausgesprochen. *109) Am 16. Januar 1823 übersandte Güntelberg die "Lulu" im gedruckten Exemplar und bat gleichzeitig die Theaterdirektion, für die Vertonung Sorge zu tragen. *110) Zuerst wurde das Stück Weyse zugestellt, aber dieser weigerte sich, es zu vertonen. Am 28. Januar 1823 wurde Kuhlau dieser Text von dem Oberhofmarschall Hauch zugesandt. *111) Schon am 31. Januar nimmt Kuhlau die Zusendung des Textes des Singspiels zum Anlaß wiederum um Erhöhung der Gage nachzusuchen. *112) Er schreibt deshalb:       
 "Jedoch erlaube ich mir hierbei zu bemerken, daß die Zeit, welche zu einer solchen Arbeit erforderlich ist, und sich im geringsten zu einem halben Jahre belaufen wird, in einem anscheinenden Mißverhältnisse mit der geringen Gage von 300 rbd. jährlich steht, und daß ich in derselben Zeit durch auswürtige Auftrage von Musikverlegern, mit denen ich in Verbindung stehe, eine Summe von 1200 bis 1500 rbd. erwerben kann; ein Erwerb, welchen mir mein auswärtiger Ruf als Komponist sichert, und mir auch unumgänglich nötig ist,um hier mit meiner Familie subsistieren zu können."
 Und er bittet schließlich in diesem Briefe um eine Erhöhung der Gage um weitere 300 rbd. Sein Gesuch wurde wieder abgelehnt, aber Hauch scheint Kuhlau doch nicht alle Hoffnung genommen zu haben, daß er einmal eine Erhöhung der Gage erhalten könne. Kuhlau entschloß sich nun, den Text, der ihm sehr lag, zu vertonen. Er ersuchte aber gleichzeitig um einen Vorschuß von 600 rbd., *113) mit der Begründung, daß er nicht so viel habe ersparen können, um während der Zeit, in der er die Oper komponiere, leben zu können. Weiter schreibt er: "denn die Komposition würde mir schwerlich gelingen, sollte ich dabei mit bitteren Nahrungssorgen kämpfen müssen. "In einem späteren Schreiben betonte er, daß er sich einfach außerstande sehe, die ihm aufgetragene Arbeit auszufahren, wenn er nicht die volle Summe von 600 rbd. erhielte, da auch diese nur zur Not hinreichen würde, um ihn mit seiner Familie ein halbes Jahr zu erhalten. *114) Kuhlau scheint den Vorschuß erhalten zu haben, doch die Belege waren nicht zu finden.
 Kuhlau machte im Jahre 1823 auch eine Reise nach Deutschland, wie aus einem Briefe von ihm vom 10. April 1823 *115) zu ersehen ist. Er ersuchte darin um einen Urlaub von 2-3 Monaten, da er wegen einer Familiensache nach Deutschland reisen müsse. Vielleicht ist er nach Hamburg gefahren, wo seine Schwester Amalie mit dem Kaufmann Nils Jepsen vermahlt war. Amalie hat später als Witwe ihm den Haushalt geführt. Es ist möglich, daß Kuhlau wegen des Todes seines Schwagers nach Hamburg gereist ist, da dieser am 25. Juni 1823 dort starb und wahrscheinlich schon vorher erkrankt war. *116) Die Reise wurde ihm gestattet, *117) doch weitere Dokumente sind von ihr nicht erhalten.
 Die Komposition zu "Lulu" hatte Kuhlau sehr lange aufgehalten. Sie wurde im Sommer 1824 eingereicht mit der besonderen Bitte von Güntelberg, *118) daß sie noch in derselben Saison aufgeführt werden möchte, da Kuhlau sich ganz außerordentlich befleißigt habe, die Oper bis dahin fertig zu bringen.
 Kuhlau hatte sich mit Freude an die Arbeit gemacht, da ihn der Text von Güntelberg wegen seines romantischen Stoffes anzog. Die Wieland'schen Märchen waren von jeher eine Lieblingslektüre Kuhlaus gewesen. Doch Kuhlau hatte viel an dem Texte von Güntelberg auszusetzen. Der Dichter mußte immer wieder Teile umarbeiten, damit sie zu Kuhlaus ldeen paßten. So hatte Güntelberg alle Qualen eines Operndichters zu ertragen, doch sie arbeiteten sich in fast anderthalbjähriger Tütigkeit sehr gut zusammen ein. Kuhlau konnte in diesem Singspiel seinen ganzen Erfindungsreichtum an Melodien und an lnstrumentationskunst zur Anwendung bringen. Vor allem gelangen ihm gut die romantischen Szenen, aber auch die bacchantischen Gesänge.
 Am 30. Oktober 1824 ging die "Lulu" von Kuhlau zur Feier des Geburtstages der Königin erstmalig in Szene. Der Erfolg dieses Abends war noch nicht bestimmend für das Schicksal des Singspiels, da es eine Festvorstellung war und eine Mißbilligung aus dem Anlasse nicht hatte laut werden können.   
 Die Aufführung am nächsten Abend war kritisch, da sich das Gerücht verbreitet hatte, die "Lulu" wäre eine Rossiniade. Es sollte gepfiffen werden, wie ein Packträger Kuhlau vor der Vorstellung sagte, als er ihm eine Karte anbot. Ein umso bemerkenswerteres Zeichen von der Wirkung des Singspieles war der große Beifall, den sie fand, nur ein paar Jungen pfiffen, das übrige Publikum war restlos begeistert. Das Singspiel hatte lange großen Erfolg in Kopenhagen. Es wurde erst vom Spielplan abgesetzt, weil die Darstellerin der Hauptrolle, der Sidi, Fräulein Zrza, Kopenhagen verließ. *119) da mit ihrem Fortgang keine ausreichenden Kräfte mehr für das Singspiel an der Bühne waren. Das Singspiel sollte im Jahre 1829 auch in Paris aufgefiihrt werden, *120) und die Partitur wurde von dem Odeon-Theater verschrieben. Kuhlau machte schon aus diesem Anlasse Vorbereitungen für eine Reise nach Paris, aber zum Schluß zerschlug sich die Sache doch. Auch im Jahre 1865, als die "Zauberflöte" großen Erfolg auf dem Theater Lyrique in Paris hatte, dachte man an eine Aufführung von "Lulu", doch der Plan wurde wieder aufgegeben. In Deutschland war eine Aufführung der "Lulu" nicht festzustellen, nur in Hamburg wurde in einem Konzert von August Klengel am 5. Februar 1825 zu Beginn die Ouverture zu "Lulu" aus dem Manuskript gespielt, und am Schluß eine große Szene mit Duett. *121)    
 Im Anschluß an den Erfolg seines Singspiels suchte Kuhlau neuerlich um Erhöhung seiner Gage nach. *122) Daraufhin erhielt er eine einmalige Gratifikation von 300 rbd. *123) Als die erbetene Gehaltserhöhung ihm nicht bewilligt wurde, suchte er bei der Theaterdirektion um eine Anstellung als Theaterkomponist mit einer besonderen Gage von 300 rbd. nach. *124) Das königliche Theater wendet sich daraufhin an den König mit einem bedeutsamen Gesuch, das beweist, daß Kuhlaus Tüchtigkeit von der Theaterdirektion anerkannt wurde. Sie empfiehlt zwar nicht, dem Antrage Kuhlaus stattzugeben, da schon der Dichter ein besonderes Honorar vom Theater bekäme und die Einnahmen des Theaters nicht dazu ausreichten, Dichter und Komponisten zu honorieren; die Direktion schreibt dann aber weiter über Kuhau: *125)  
 "Indessen ist Kuhlau ein geistreicher und talentvoller Opernkomponist, dessen Arbeiten sowohl hier, als im Ausland beliebt sind, und seine letzte Komposition zu Lulu ist vorzüglich anerkannt und mit seltenem Beifall beehrt worden. Zieht man dann auch in Betracht, daß der gegenwärtige Geschmack in Kopenhagen sowie in anderen Hauptstädten eine besondere Vorliebe für Opern zeigt, so muß man wünschen, einen so rühmlich bekannten und gleichzeitig fleißigen Komponisten nicht zu verlieren, umsomehr, als die Operndichtung hier in Danemark würdige Dichter, die mehr als einen Komponisten beschäftigen können immer gefunden hat, und sicher auch künftig finden wird.
 Wir gestatten uns deshalb die alleruntertänigste Meinung zu sagen, daß Kammermusikus Kuhlau, der bereits vier Kompositionen zu großen Singstücken oder Opern geliefert hat, von denen die Theaterkasse eine nicht geringe Einnahme gehabt hat, die Empfehlung der Theaterdirektion zu einer besonderen Vergütung verdient, die jedoch passend nach den Arbeiten festgesetzt werden könnte, die er liefert, sodaß er eine Extrabezahlung von zum Beispiel 300 rbd. erhielte,...."  
 Der König vefügte hierauf in einer Resolution vom 27. September 1825:
 "Wir wollen allergnädigst gestattet haben, anläßlich jeder Musikkomposition zu einem Singstück oder einer Oper, die Kammermusikus Kuhlau künftig liefert, und solange er keine höhere Gage als gegenwärtig genießt, einen besonderen alleruntertänigsten Vorschlag einzureichen, betreffend welche Gratifikation ihm dafür zu vergonnen sei."
 Auch bei Hofe mußte Kuhlau noch spielen, wie aus einem Briefe Hauchs an Kuhlau vom 20. Mai 1825 hervorgeht. *126) Dieser Brief ist auch noch in anderer Hinsicht sehr interessant, da er ein Beweis dafür ist, wie schlecht Kuhlau mit Schall stand. Er hat möglicherweise wegen Schall auch seinen Singlehrerposten im Jahre 1817 aufgegeben und auf die Aufforderungen von Schall zu Konzerten ging Kuhlau nicht ein. Der Brief möge hier wegen des mehrfachen lnteresses folgen :
 "Herr Professor Schall, welcher außerstande gewesen ist, Herrn Kammermusikus Kuhlau vorgestern Abend davon zu unterrichten, daß morgen Abend um 7 1/2 Uhr hier beim Hof Konzert stattfinden soll, nebst meinem Ersuchen, daß Sie ein Stück am Klavier auführen möchten, hat nun mir gegenüber berichtet, daß Sie meine Aufforderung dazu begehren."
 Hauch schickt weiter in dem Briefe die Aufforderung, zu dem Konzerte zu kommen, teilt ihm aber gleichzeitig mit, daß Schall die Vollmacht habe, solche Ersuchen zu stellen.
 Kuhlau erhielt in diesem Jahre noch ein neues Singspiel zugesandt, nämlich "Hugo und Adelheid" von C. J. Boye. *127) Am 5. Juni hatte er dieses Singspiel erhalten, am 15. Juni bekam er auf ein früher eingereichtes Gesuch die Erlaubnis zu einer Reise auf ein halbes Jahr nach Deutschland. *128) So gelangte dieses Singspiel jetzt noch nicht zur Vertonung, denn er nahm es auch nicht sofort nach seiner Reise wieder auf. Es scheint sich auch hier um einen Zwiespalt zwischen ihm und der Theaterdirektion zu handeln, da Kuhlau wieder um Erhöhung der Gage nachsuchte, sie aber nicht erhielt.
 Ende Juni trat Kuhlau seine Reise nach Deutschland an; der letzte Brief von ihm in Kopenhagen ist vom 28. Juni 1825 datiert. ln einem Briefe vom 25. Juni an Abrahams jr. schreibt er, daß er am Freitag abreisen würde. *129) Also kann es sich nur um Ende Juni handeln. Von dieser Reise kehrte er noch in demselben Jahre zuriick. Der erste wieder an ihn gerichtete Brief in Kopenhagen ist von der Theaterdirektion am 29. Oktober geschrieben, und Kuhlau ist höchstwahrscheinlich da schon wieder in Kopenhagen gewesen. *130) Der erste Brief von ihm in Kopenhagen ist vom 28. November 1825 datiert und an C. J. Boye gerichtet, *131) dem er wegen der Komposition von "William Shakespeare" schrieb, und da war er schon fleißig an der Arbeit. Also stimmt wohl Ende Oktober für die Rückkehr Kuhlaus.
 Welche Städte Kuhlau auf dieser Reise in Deutschland besucht hat, ist nicht bekannt. Nur von seinem Aufenthalte in Wien haben wir genaue Nachrichten durch sein Zusammentreffen mit Beethoven. Ein langgehegter Wunsch ging hiermit in Erfüllung. Von dem Erlebnis am 2. September 1825 gibt Seyfried einen genauen Bericht, der hier folgt: *132)  
 "Da der königlich dänische Konzertmeister Kuhlau auf keinen Fall Wien verlassen wollte, ohne Beethovens persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben, so veranstaltete Herr Haslinger eine kleine Landparthie nach Baden,woselbst jener seine Sommerresidenz aufgeschlagen hatte, und die Herren Sellner (Professor am vaterländischen Conservatorium) der Hofklaviermacher, Herr Conrad Graf, sowie Beethovens warmer Freund, Herr Holz, waren, dem geschätzten Gaste zu Ehren von der Gesellschaft. Kaum angelangt an Hygieas segenspendender Heilquelle, und von dem so wünschenswerthen Besuch Erwartenden, freundlich, mit einem derben Händedruck bewillkommnet, erscholl, nach kurzer Rast der Ruf: "Fort, fort! hinaus ins Freie!" ---Voraus als Leithammel, der geschäftige Wirth und hintendrein, nicht ohne Anstrengung dem Schnelläufer folgend, das städtische Kleeblatt, welches recht tüchtig abzuhetzen des Commandierenden Hauptpassion war. Da mußten denn alle Lieblingsplätze aufgesucht werden, und zwar keineswegs auf den gebahntesten Wegen. Bald hieß es gemsenartig klettern zu Rauensteins und Rauenecks Ruinen, von deren Zinnen das entzückte Auge, soweit es immer nur zu reichen, vermag,gleich einem unbegrenzten Teppich ausgebreitet, das gelobte Land erblickt; bald stürzte der knhne Führer mit starker Faust einen Gefährten erfassend, in des Rennthiers Schnelligkeit einen fast senkrechten Abhang hinab, um sich an der Ängstlichkeit der auf schlüpfrigem Steingerolle Nachklimmenden sattsam zu weiden. lndessen both, nach jeder überstandenen Fährlichkeit, das im herrlichen Helenenthale bestellte Mittagsmahl reichhche Entschädigung, und der Zufall, daß unsere ermadeten Wanderer gerade eben die einzigen Gäste waren, trug wesentlich zur Erhöhung des geselligen Vergnügens bei. Hatte schon hier der perlende Sillery mehr noch als seine Schuldigkeit getan, so vollendete der in Beethovens Wohnung zum Johannissegen reichlich fließende Vöslauer, vom besten Gewächs, das begonnene Werk. Der joviale Hauspatron war in der liebenswürdigsten Laune, von welcher sich auch seine Freunde, ohne die Grenzen der Wohlanständigkeit zu überschreiten, mit fortgerissen mühlten,Kuhlau schrieb aus dem Stegreif einen Canon über den Namen Bach, und Beethoven weihte dem Andenken dieses genußreichen Tages nachstehendes lmpromptu, in dem er den heiteren Scherz, sollte sich dennoch der geehrte Kunstgenosse verletzt fahlen, des anderen Tages durch beifolgende Zeilen zu entschuldigen bemüht war."                   
 Baden, den 3. Sept. 1825.      
 "Ich muß gestehen, daß auch mir der Champagner gestem sehr zu Kopf gestiegen, und ich abermals die Erfahrung machen mußte, daß derg. meine Wirkungskräfte eher unterdrücken, als befördern, denn so leicht ich sonst     auf der Stelle zu antworten bin,so weiß ich doch gar nicht mehr, was ich gestern geschrieben habe."    
Erinnern Sie sich zuweilen lhres ergebensten                      Beethoven m.p,   
 Bei Thayer *133) sind noch folgende bemerkenswerte Eintragungen aus dem Konversationsbuch mitgeteilt. Schlesinger schreibt dort über Kuhlau: "Kuhlau ist ein Mann von Talent, nicht wahr? --- Ein Ciclop ---Das Auge steht der Nase nahe; haben Sie nicht bemerkt." Dieses Zeugnis gibt ein Bild, wie Kuhlaus Außeres auf die Umgebung gewirkt hat; Kuhlau war nach dem Konversationbuch schon einige Zeit in Wien gewesen. Leider sind (nach Thayer) die Blätter im Konversationsbuch, die uns Gespräche dieses Tages vermitteln könnten, entfernt; Thayer meint, weil die Scherze vielleicht zu derb waren.
 Wie schon oben erwähnt, kam Kuhlau Oktober 1825 von dieser Reise, die auch seinen sehnlichsten Wunsch, Beethoven kennen zu lemen, erfüllt hatte, nach Kopenhagen zurück. Wie immer nach seinen Reisen findet sich auch nach dieser eine Epoche intensivster Arbeit. Sofort nach Ankunft in Kopenhagen machte sich Kuhlau an eine neue Arbeit, nämlich an die Musik zu dem Schauspiel von Boye "William Shakespeare". Die Arbeit setzte sich in der Hauptsache aus einer Ouverture, mehreren Chören und Gesängen zusammen. Unbedingt das Bedeutsamste an diesem Werk ist die Ouverture, die sich auch noch bis heute in Konzerten erhalten hat *134) und die auch die beste Ouverture Kuhlaus ist. Das romantische Schauspiel von Boye mit der Musik von Kuhlau fand zu Beginn des Jahres 1826 eine gute Aufnahme. *135)      
 Im Jahre 1826 zog Kuhlau mit seinen Familienangehörigen nach Lyngbye, einem Dorfe in der Nahe von Kopenhagen. Möglicherweise waren es wirtschaftliche Erwägungen, die ihn dazu veranlaßten, da sich die Zahl derer, für die er den Lebensunterhalt erarbeiten mußte, seit 1822 um den Sohn seines Bruder, der Musiker in Kalkutta war, vermehrt hatte. Sicher aber kam der Wohnungswechsel seiner stark ausgeprägten Naturliebe entgegen. Aus dieser Zeit stammt ein sehr schöner Bericht aber Kuhlau aus einem Briefe von Cnristian Winther, den Bøgh *136) in seinem Buche aber denselben wiedergibt.  Im August 1826 schreibt Winther: *137)
 "lch besuche Kuhlau jeden Tag; wir sprechen über Musik, wir rauchen Tabak und trinken heißen Grog. Das ist wirklich ein herrlicher Kerl. Er komponierte in dieser Zeit eine ganze Menge kleinerer Gesänge: a) zwei Hefte mit 8 und 9 stimmigen Gesängen ohne Begleitung; davon hat er dann das erste Heft der Studentenvereinigung gewidmet, b) eine Sammlung Gesänge mit Klavierbegleitung. Er spielte davon den Alt für mich und--- insoweit man einen vierstimmigen Gesang, wenn er auf dem Klavier gespielt wird, und eine Arie, gesungen von Kuhlaus rauher Stimme, verstehen kann, so fand ich sie doch aber alle Maßen gesegnet, ja sogar sehr bemerkenswert, sodaß ich ihn gern dafür umarmt hatte, worüber ich mich auch nicht schäme---" Bøgh erzählt weiter, daß Winther 10 Jahre jünger war als Kuhlau, daß sie aber doch in mancher Hinsicht sehr gut zusammen paßten, denn sie waren beide sehr naturliebend und machten gerne große Fußwanderungen. Sie lauschten dem Gesang der Vögel, und auf die Gesänge, die noch im Volke lebten: "De gamle Folkeviser" (die alten Volksweisen) ; beide fühlten sich stark beeindruckt von dem Romantischen, Schwärmerischen, Ritterlichen und von Dichtung und Melodie dieser Art, in denen soviel Melancholisches enthalten war. Kuhlau sprach alles Andere, als ein gutes Danisch, *138) desto besser sprach aber Winther deutsch. Winther hatte ein feines und tiefes Verständnis für Musik und Kuhlau ließ sich -gern von ihm die alten Erzählungen des Volkes vortragen. Wenn Winther am Nachmittage Kuhlau besuchte, empfing dieser ihn treuherzig und ehrlich, gutmntig, geradezu und gemütlich, so wie er war, in seinem Schlafrock mit dem feinen Leinenzeug darunter, mit der Pfeife im Munde und mit seinem Hund, seinem treuen Achates, an der Seite. Winther nahm dann seine Pfeife und sie setzten sich zusammen mit Kuhlaus Eltern in den Garten. Entweder gab es nun Kaffee oder Bier, oder einmal einen seltenen guten Wein, und wie Winther in dem vorhergehenden Briefe sagt, Grog. Kuhlau liebte immer einen starken Trunk, es war eine Leidenschaft von ihm.
 Das Bild möge noch durch eine Beschreibung aus Oehlenschlägers Lebenserinnerungen *139) ergänzt werden: "Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner Kindheit auf hier gewesen war, war dänisch geworden, Kuhlau aber blieb immer deutsch. Kuhlau war ein schöner Mann mit roten Wangen, hatte aber in seiner Jugend das Unglück gehabt, ein Auge zu verlieren. Er gab sich weder mit fremden Sprachen, noch Wissenschaften ab; er trank sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Tabak, war ein gelehrter Musiker und komponierte schöne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die Schwärmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's ; aber mehr Körper, starkere Effekte, größere Mengen Melodienreichtum und mehr lebendige dramatische Bewegung."
 Wie eben gesagt, hatte Kuhlau schon 1825 das Singspiel "Hugo und Adelheid" von Boye zur Komposition erhalten, doch damals war es wegen seiner Reise wieder bei Seite gelegt worden. 1827 bekam Kuhlau dieses Singspiel wieder zugestellt, lehnte aber die Vertonung ab, weil er einfach nicht auf seine Nebeneinnahmen, zu denen er durch diese Komposition verhindert wäre, verzichten könne, da er sonst dem Kummer und den Nahrungssorgen erliegen würde. Darauf machte das Theater eine Eingabe an den König, daß Kuhlau die Versicherung erlange, wenn er das Stück abliefere, 600 rbd. Honorar zu erhalten, *140) Durch königliche Resolution vom 13. März 1827 wurde dieses Gesuch genehmigt und Kuhlau am 27. Marz *141) mitgeteilt, daß er auf das genannte Honorar bei Einlieferung des Stückes rechnen könne. Kuhlau machte sich auf diese Lockspeise hin an die Komposition von "Hugo und Adelheid". Das Singspiel wurde am 29. Oktober 1827 zum Geburtstage der Königin aufgeführt, doch mit sehr geringem Erfolg. Im ganzen erlebte es nur fünf Aufführungen. Der Text war wieder vollständig unbrauchbar. Kuhlau hatte sich deswegen auch geweigert, die Komposition zu übernehmen, aber er war nun einmal dazu verpflichtet, für das Theater zu komponieren und konnte nicht ständig alle Singspieltexte ablehnen. Besonders stieß das Publikum ab, daß ein edler Ritter, um seine Geliebte nicht bloßzustellen, sich als gemeinen Dieb anklagen ließ. Widrig berührte vor allem die Szene, wo der Ritter unter dem Spott und Jubel der übrigen Verbrecher, die sich freuen, einen so vomehmen Kameraden zu bekommen,ins Gefangnis geführt wird. *142) Die Kuhlau'sche Musik steht auch auf keiner besonderen Höhe, sie ist, wie viele seiner Instrumentalsachen, ein Beweis des verschiedenen Wertes seiner Werke.
 Im Jahre 1828 machte Kuhlau eine Reise nach Norwegen. E hatte um die Erlaubnis dazu in einer Eingabe vom 18. April 1828 an den Oberhofmarschall nachgesucht. *143) Sie wurde ihm dann auch am 21. April erteilt. *144)   
 Noch in diesem Jahre entstand die Schauspielmusik, durch die Kuhlau seinen Ruhm als dänischer Nationalkomponist erwerben sollte, und durch die er bis heute in Dänemark unvergeßlich blieb.
 Es war "Elverhøi" (Elfen- oder Erlenhügel), dessen Text von Johannes Ludwig Heiberg stammt. Heiberg hat mit diesem Schauspiel etwas Vorzügliches geschaffen. Der Text war eigentlich zur Verherrlichung des Königs bestimmt, ist aber darüber hinaus ein poetisches Werk geworden, das voll von romantischen Stimmungen und der Ausdruck der dänischen Volksseele ist. Dieses Werk zu vertonen, war Kuhlau ganz besonders geeignet. Ihn hatte schon immer die Liebe zu den alten Volksliedern beseelt, er war aufs Land gegangen, sie zu hören, dort, wo sie sich rein erhalten hatten. Heiberg hatte in seinem Text dänische Volkslieder verflochten. Kuhlau verarbeitete die dänischen Volksmelodien oder komponierte neue hinzu, die er so fein im Ton getroffen hat, daß sie schwer von den Originalmelodien zu unterscheiden sind. Die Ouverture ist ein Meisterwerk, das man teilweise mit der Jubelouverture von Weber vergleichen kann. Bei Kuhlau wie bei Weber, erscheint am Schluß die Nationalhymne. Bei jeder festlichen Gelegenheit wurde und wird diese Ouverture aufgeführt; so gab man auch zur Einweihung des neuen königlichen Theaters in Kopenhagen am 15. Oktober 1874. "Elverhøi", *145) Neiendam schreibt darüber: "Als die Majestäten....in der blumengeschmückten Königsloge Platz genommen hatten, waren die ersten Töne in den gefüllten Räumlichkeiten "Kuhlaus Elfenhügel-Ouverture" mit dem prompösen Finale."
 Von dem Entstehen dieses Werkes geben einige Briefe Kuhlaus an den Textdichter J. L. Heiberg ein interessantes Bild. In einer undatierten Beilage finden sich auch einige Sammlungen bezeichnet, aus denen Kuhlau Melodien zu seiner Musik entnommen hat. Er erwähnt hierin zwei Samullungen, nämlich die von Nyerup und Rahbeck, die auch Hjalmar Thuren *146) nennt, und die Grönl. Sammlung, die sich auf der königlichen Bibliothek in Kopenhagen befindet.
 Weiter sieht man noch aus diesen Briefen, daß Kuhlau Heiberg den Entwuft von Melodien zusendet, damit er dazu den Text dichte. So gibt er den Versrhythmus für den Bauernchor in seinem Brief von 16. September 1828 gesondert an. *147)   
 Der letzte Brief Kuhlaus an Heiberg vom 16. Oktober 1828 ist deshalb interessant, weil er zeigt, daß ihm die Beziehungen der Ouverture zu den übrigen Nummern der Schauspielmusik sehr wichtig sind. Er schreibt hier:      
 "Ich glaube, die Ouverture ist nur recht geglückt, bleibt aber die Romanze weg, so steht deren Melodie, die zweimahl vorkömmt, so ganz ohne alle Beziehung in der Ouverture; ich bin überzeugt, Sie werden das selbst finden, zumahl wenn Sie sie erst vom Orchester hören."   
 Am 6. November 1828 wurde "Elverhøi" zum ersten Male bei der Vermählung von Prinz Friedrich mit Prinzessin Wilhelmine mit großem Beifall gegeben. Dieses Schauspiel mit der Musik Kuhlaus hat sich bis heute auf der Kopenhagener Bühne erhalten und wurde immer mit außerordentlichem Beifall aufgenommen. Die Musik ist auch wirklich dem musikalischen Empfinden des dänischen Volkes erwachsen, das darin seine ganzen Gefühle widergespiegelt findet. Innerhalb von 100 Jahren (das Schauspiel wurde am 6. November 1928 zum hundertjährigen Festtag aufgeführt) ist sie allein auf dem Kopenhagener Theater 600 mal gegeben worden. Die Aufführungen in Naturtheatern und den Liebhaberaufführungen sind dabei nicht mitgerechnet.
 Am 1. November 1828, wenige Tage vor der Aufführung seines "Elverhøi" wurde Kuhlau zum Proressor ernannt, die einzige offizielle Auszeichnung, die ihm zuteil wurde.   
 Am 7. Mai 1829 suchte Kuhlau um Urlaub auf drei Monate nach Deutschland nach, der ihm auch gewährt wurde, da keine Musikkompositionen zu Ehren der vermählung der Kronprinzessin und des Prinzen Friedrich gewünscht wurden. *148) Noch im Mai 1829 reiste er ab und war im Juni in Berlin. Hier besuchte er wie auf allen seinen Reisen die Theater. So sah und hörte er in einer wirklich vortrefflichen Aufführung Spontinis "Agnes von Hohenstauffen", welche aus Anlaß der Ankunft der Kaiserin von Rußland mit besonderer Pracht in Szene ging. In Berlin war er auch mit der berühmten Sängerin Anna Milder zusammen. Auf eine Einladung schreibt er ihr im Juni 1829 folgenden Brief: *149)    
 "Soeben erinnere ich mich, hochverehrte Madame! daß ich mich vor einigen Tagen zu einer Parthie nach Potsdam - zu morgen - engagiert habe, es thut mir daher unendlich leid, Ihre gütige Einladung zu morgen Mittag ablehnen zu müssen. Meine Abreise wird auch früher erfolgen, als ich diesen Morgen dachte. Sobald ich nach Kopenhagen zurückkomme, werde ich mir die Freiheit nehmen. den dortigen Musikfreunden auf den hohen Genuß, welcher ihnen von der gefeierten Madame Milder bevorsteht. vorzubereiten...." 
 In Berlin hatte er nach seinen Worten ein wahres Schlaraffenleben geführt. An Huntly schrieb er in einem Brief von Leipzig vom Juli l825: *150) "In Berlin, wo ich mich vier Wochen aufgehalten und mich sehr amüsiert habe, ...." Darauf deutet auch seine in dem Brief an die Milder erwähnte Reise nach Potsdam hin.   
 Im Juli war er in Leipzig. Er machte dort die wichtige Bekanntschaft des Musikalienhändlers Böhme, der vor kurzem Peters Musikalienhandlung übernommen hatte. In der Landvilla von Böhme wurde ein Quartett für vier Flöten von Kuhlau ausgeführt. Bei dieser Aufführung fing der erste Flötist mit Kuhlau über die technischen Finessen der Flöte zu sprechen an, war aber sehr erstaunt, als er hörte, daß Kuhlau, der ausgezeichnet für die Flöte schrieb, kein Flötist sei; er wollte es kaum glauben. Kuhlau hat sich einmal selbst über sein Verhältnis zur Flöte in einem Briefe *151) an Breitkopf&Härtel vom 4. Marz 1813 ausgesprochen: "....ich spiele nur wenig dieses Instrument (Flöte), aber ich kenne es genau".   
 Später sagte er sogar einmal in einem Briefe: "....und ich kann doch nicht den kleinsten Griff auf der Flöte machen". Vielleicht hatte er in der Zwischenzeit das wenige verlernt, denn die beiden Aussprüche aus zwei Briefen liegen 16 Jahre auseinander. Der erste ist aus dem Jahre 1813, der zweite aus einem Briefe von 1829. Auf jeden Fall war es eine irrige Ansicht, die damals in deutschen biographischen Notize herumspukte, daß Kuhlau einmal Flötist am königlichen Theater gewesen sei. *152) Kuhlau schrieb hauptsächlich so viele Sachen für die Flöte, weil Flötenkompositionen damals in Kreisen musikliebender Dilettanten sehr gesucht waren, während andere Kompositonen, so zum Beispiel Streichquartette fast gar nicht bei einem Verleger unterzubringen waren. Für Kuhlau, der ständig, wie aus seinen vielen Schreiben an die Theaterdirektion in Kopenhagen zu ersehen ist, um Geld verlegen war,bedeuten seine Kompositionen die wichtigste Einnahmequelle und Werke für die Flöte waren am schnellsten und besten bei den Verlegern unterzubringen. Deswegen findet sich unter seinen Flötenkompositionen auch soviel Unbedeutendes. Man merkt den Sachen an, daß er sie vielfach auf Bestellung geschrieben hatte, denn er hatte sich schon einen Namen als Flötenkomponist geschaffen und die Verleger bestellten immer neue Werke bei ihm. Doch auch viele sehr schöne Werke finden sich unter dieser Gattung seiner Instrumentalwerke, die auch heute noch wirken. Von Leipzig reiste Kuhlau über Hamburg nach Kiel, wo er viele Freunde hatte, unter anderen den Kapellmeister Karl August Krebs, *153) Anfang August wieder nach Kopenhagen zurück.
 Im Oktober 1829 kam Moscheles nach Kopenhagen, der sich über das Kopenhagener Musikleben und seine Führer Weyse und Kuhlau folgendermaßen ausspricht: *154)      
 "Erst hörte ich Weyse, den hier vergötterten Theoretiker, eine Fuge auf der Orgel in der Frauenkirche improvisieren; dann ging ich mit ihm nach Hause und las viele seiner interessanten Werke durch. Auch Kuhlau, den überaus gewandten Rätselkanonbauer *155) lernte ich kennen; er schmiedet musikalische Kunstschlösser, die unendlich schwer zu erschließen sind, aber zu meiner Übung beredete ich sie beide, mir die Rätselkanons zu zeigen, in denen sie von Haus zu Haus miteinander korrespondieren. lch habe beide bei einem Herrn W. getroffen, in dessen Soiree sämtliche fremde und einheimische Künstler vor einem Publikum von Liebhabern und Kunstrichtern Musik machten. Oehlenschläger war auch da. Kuhlau eröffnete den Abend mit seinem Quartett in g-moll. Es ist im großen Stile und vortrefflich gearbeitet, aber nicht frei von Reminiszenzen. Er konnte im Spiel nicht immer der Schwierigkeiten Meister werden. Dann spielten Funcke und ich mein Caprice mit Cello, das er sehr brav accompagnierte, die Gebrüder Andersen ein Caprice für drei Hörner. Nun sollte ich Solo spielen,wollte aber, daß auch Weyse sich hören ließe, drang in ihn, war von der Gesellschaft unterstützt, aber umsonst, er wollte durchaus nicht. So mußte ich ans Klavier, gleich war ich wie von einem Wall umchlossen; Todesstille herrschte während ich mich ein paar Minuten besann! Ich wollte versuchen, gelehrt wie Kuhlau und Weyse zu sein, dabei harmonisch interessant, zuletzt schmachtend, um endlich mit einem virtuosen Sturm zu schließen; es scheint mir alles gelungen zu sein. "Der alte Professor Schall fiel über mich her und küßte mich (for shame, würden die Engländer sagen), Kuhlau und Weyse bestürmten mich, - ich kam nicht zu Atem - ."   
 In nächsten Jahre trafen Kuhlau zwei schwere Schicksalsschläge, der Tod seines Vaters und seiner Mutter. *156) Sein Vater starb plötzlich am 21. Januar 1830, ohne vorher krank gewesen zu sein, und seine Mutter verschied am 13. November 1830. Aus mehreren Briefen spricht seine Trauer aber diesen schweren Verlust. So schreibt er an Böhme in einem Briefe vom 11. Dezember 1830: *157) "Zwei Leichenbegängnisse in einem Jahre das ist doch hart!" Ja, er erklankte selbst und seine Genesung zog sich mehrere Monate hin.
 Trotz alledem schrieb er in diesem Jahre eine Schauspielmusik, die er satzungsgemäß zu liefem hatte. Der Text war ein Lustspiel von Oehlenschläger, "Die Drillingsbrüder von Damaskus", die dieser nach einem Briere vom 5. April 1830 *158) gern von Kuhhu vertont haben wollte. Die Arbeit daran war in nur vier Monaten beendet, aber die Aufführung am 2. September 1830 hatte kein Glück, und die "Drillingsbrüder" wurden nur dreimal gespielt. Thrane möchte diesen Miserfolg nur auf den nicht für die Szene passenden Text schieben, doch die Musik von Kuhlau ist daran wohl genau so schuld, da sie eine reine Gelegenheitsarbeit ist trotz einiger hübscher Stellen. Kuhlau ist ein gewandter "Musikhandwerker", der komponieren kann, wann er will, aber der Unterschied in seiner Produktion ist hier klar erkennbar; daß in diesem Falle kein Meisterwerk daraus werden konnte, ist allein schon auf seine damalige Gemütsverfassung zurückzuführen, und er hat es wohl nur geschrieben, um den Auftrag auszuführen.
 Oehlenschläger schreibt in seinen Lebenserinnerungen*159) über die "Drillingsbrüder von Damaskus":   
 "Von den Drillingsbrüdern von Damaskus, wozu Kuhlau herrliche Musikpiecen geschrieben hat, kann ich wohl sagen, daß sie nicht das Glück machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptsächlich der Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen, daß es natürlich war, daß man den einen für den anderen hielt. Man wollte und konnte keine Masken gebrauchen, an die Leichtigkeit hingegen, durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen uud Bärte, die Ähnlichkeit hervorzubringen, dachte man nicht, Winslow war als Babekan und Madame Wexschall als Lyra vortrefftich. Ich übersetzte später dieses Stück ins deutsche. Es erwarb sich Tiecks Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen, und er las es selbst häufig in seinen Abendgesellschaften vor)."  
 Nach dem Tode der Eltern Kuhlaus zog seine Schwester Amalie Jepsen, die Witwe war, zu ihm und leitete seinen Haushalt. Kuhlau war schon während des Jahres 1830 leidend und im Jahre 1831 brachte ihm ein Unglücksfall beinahe den Tod. Am 5. Februar 1831 brach um 5 Uhr nachmittags im Hofe des Hofkupferstechers Preisler ein Brand aus, der in kurzer Zeit auch auf das Haus des Glasermeisters Halberg, in welchem Kuhlau damals wohnte, übergriff und innerhalb einer Viertelstunde stand das ganze Haus in Flammen. *160) Kuhlau stand mit seiner Schwester in der Kälte draußen, bis sie ein Freund in seinem Hause aufnahm. Das Feuer hatte sie so überrascht, daß sie nichts mehr aus dem Brande zu retten vermochten. Alle Musikalien Kuhlaus verbrannten, darunter viele seiner eigenen Kompositionen, die er aufbewahrt hatte, um sie bei Gelegenheit herauszugeben. So war auch sein zweites Pianofortekonzert, welches er in seinem Konzert 1815 in Stockholm aufgeführt hatte, ein Opfer der Flammen geworden, desgleichen eine Arbeit die an die Bach'sche Tradition anknüpfte, und die ihn mehrere Jahre beschäftigt hatte, nämlich eine Generalbaßschule.
 Durch den Aufenthalt im Freien bei dem Brande hatte sich Kuhlau erkältet; er wurde im weiteren Verlauf der Krankheit von Brustkrämpfen befallen und schwebte lange zwischen Leben und Tod. Da er immer schwächer und von Gicht und Podagra gepeinigt wurde, entschloß er sich endlich, sich nach Kopenhagen ins Frederiks-Hospital zu begeben, wo er vom 8. Marz bis 7. Juni bleiben mußte.
 Im Sommer siedelte er wieder nach Lyngbye über, denn er sollte sich viel in frischer Luft aufhalten, ohne zu arbeiten. Er hatte sogar schon für das nächste Jahr Reisepläne. Im Herbst zog er wieder nach Kopenhagen. *161) Hier vollendete er sein letztes bedeutendes Werk, sein einziges Streichquartett, es ist sein op.122 in g-moll. Er hatte vor, noch mehrere Streichquartette zu schreiben, da Waagepetersen, der auch die Herausgabe seines op. 122 vermittelte, ihm ein großes Honorar dafür anbot und die Herausgabe der Werke selbst besorgen wollte. Auch mit Farrenc in Paris stand er wegen einiger größerer Werke in Verhandlung, darunter auch Klaviertrios. Zudem hatte er auch den Plan, eine neue Oper zu komponieren.
 Aber der Tod ließ die Vollendung all dieser Pläne nicht zu. Am 12. März 1832 des Abends um 7 3/4 Uhr starb Kuhlau. *162) Die Todesursache war nach dem Begräbnisprotokoll Brustschwäche. Die Leiche wurde von der Wohnung Kuhlaus, wo er gestorben war, Nyhavn 12, in die Kapelle des Frederik-Hospitals überführt und dort aufgebahrt. Am 18. Marz fand in der Kapelle der St. Petri-Kirche die Trauerfeierlichkeit statt. Es wurde bei der Feier ein von Christian Winther gedichteter und von Weyse vertonter Gesang vorgetragen. Mynster hielt die Trauerrede und das Gardekorps führte Kuhlaus Trauermarsch, den er zu Christians VII. Beisetzung komponiert hatte, aus. In der Hauptsache setzte sich das Trauergefolge aus Kuhlaus nächster Umgebung zusammen. Es waren seine besten Freunde und Bekannten, die ihn auf seinem letzten Wege begleiteten.
 Sein Andenken wurde auch durch eine Aufführung im königlichen Theater geehrt. Oehlenschläger hatte einen Prolog zu dieser Veranstaltung geschrieben und Kuhlaus "Räuberburg" ging in Szene. Die Studenten hatten in corpore und mit Trauerzeichen die Plätze im ersten Range inne. Auch in verschiedenen musikalischen Vereinen wurden Trauerfeiern abgehalten, und im Studentenverein *163) wurde eine Kantate, deren Text von Boye war, mit der Musik von Weyse aufgeführt.
 Ein schönes Denkmal hat Christian Winther Kuhlau am Schlusse seiner Dichtung "Musikken" *164) gesetzt, die N. P. Nielsen bei einem Konzert in "Det venskabelige Selskab" am Donnerstag, den 19. April 1832 *165) vortrug. ln diesem Gedicht ruft Winther, nachdem er die Macht der Musik geschildert hat, zum Schluß, als sie den Toten zur letzten Ruhe begleiten, aus:
Saa stod vi nylig ved en Kunstners Baare,     
en dybt Indviet i den Helligdom,     
hvor Tonekunstens Vaeld af rigen Aare     
udstraales sig den vide Verden om;     
o, lad os ofre ham en skønsom Taare,     
han var saa dygtig, aerlig, god og from -     
taknemlig mindes ham med kjaerlig Klage,     
taknemlig elske dem, vi har tilbage."   

 Kuhlau wurde zuerst in der Kapelle von St. Petri beigesetzt, erst am 12. März 1833 wurde er auf dem Assistenz-Kirchhofe beerdigt, als sein Grabmal ausgeführt worden war.   
 Kuhlaus Freund Hashagen erzählt darüber in einem Briefe an Andreas Kuhlau: *166)   
 "lch hatte es so eingerichtet, daß die Leiche Ihres verstorbenen Bruders am Jahrestage nach seinem Tode von der Kapelle aus nach dem Kirchhofe überführt wurde. Am Morgen sehr zeitig kamen Musikalienhändler Olsen, Kammermusikus Laders, Grossirer Gerson und ein junger Herr Larssen zu mir ins Haus, und darauf gingen wir alle nach dem Kirchhofe, woselbst die Leiche ankam. Es war ein klarer Wintermorgen, die Erde war mit dünnem Schnee bedeckt, die goldne Sonne lächelte auf uns herab und wahrlich! die von mir ausgewählte kleine Gesellschaft bekundete, wie sehr von allen der gute, herrliche, grose Kuhlau geliebt worden war; das war ein schöner Tag!"

Inaugural-Dissertation
zur Erlagung der Doktorwürde der Phiosophischen Fakultät
(1.Sektion) der Ludwig-Maximilians-Universität zu München
Vorgelegt von Karl Graupner 1930

 





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